Die WG mit PC

Wenn die Mitbewohnerin immerfort am Modem hängt
(aus DIE ZEIT, 2. Februar 1996, Seite 71)

Unsere Mitbewohnerin hat jetzt ein Modem. Damit mailt sie "E". Wir anderen Wohngemeinschafts-Bewohner mailen noch mit der Hand. Als ich noch jung war und keine Ahnung von der Schlechtigkeit der Welt und der Telekom hatte, da dachte ich noch, ein Modem sei so etwas, das man halt an den Computer anschließt, damit man ,,Messages" zu einem anderen Computer schicken und im Internet surfen kann. Heute weiß ich, daß ein Modem etwas ist, das man an die Telephonleitung anschließt, damit alle anderen Menschen im Haus nie wieder telephonieren können!

Seit meine Mitbewohnerin ihr Modem hat, knüpft sie stundenlang Freundschaften in aller Welt und debattiert mit ihnen die Wetterlage im südwestlichen Brasilien. Ich kann seitdem nicht mal mehr meine Großmutter anrufen! Dabei wohnt die laut Telekom-Gebührenordnung 96 sogar in der relativ nahen und preiswerten ,,Region 200" (10 Groschen für 6 Sekunden). Die neuen Freunde meiner Mitbewohnerin wohnen in Australien und Dänemark und Gott weiß wo überall da, wo sich sonst noch das Ende der Welt vermuten läßt.

Aber weil meine Mitbewohnerin für das E-Mailen und das Surfen im Internet und das Debattieren mit ihrem australischen Charles nur die Telephonnummer der Universität in unserer Stadt anwählen muß (dort vermittelt man sie dann irgendwie weiter, ohne daß es Aufschlag kostet), darum kann meine Mitbewohnerin ihre Auslandsfreundschaften jetzt sage und schreibe 60 Sekunden lang beackern, ehe der 12-Pfennig-Takt umspringt.

Das macht mich wahnsinnig! Ich bin seit Wochen nicht mehr angerufen worden! Wie denn auch? Morgens, wenn unsere Mitbewohnerin aufsteht, zieht sie den Telephonstecker aus der Dose und steckt ihr Modem rein ! Und da steckt es dann. Und sie mailt und surft und mailt und surft in die weite Welt hinaus. Und wer mich anrufen will, der hört immer nur das Besetztzeichen. Unseren Anrufbeantworter habe ich gestern Gegen eine Tiefkühlpizza Schinken/Zwiebel/doppelt Käse bei der Wohngemeinschaft ein Stockwerk höher eingetauscht. Den Pizza-bring-Service kann ich ja nicht mehr anrufen. Unser Telephon ist zum nutzlosen Dekorationsstück geworden. Seit ein paar Tagen hängen wir über seinem Kabel unsere Wäsche auf.

Meine Mitbewohnerin ist mittlerweile auch taub geworden gegenüber allen ,,Du, darf ich diesen Monat auch noch mal?"-Anfragen oder ,,Andere Leute brauchen auch Kontakt zur Außenwelt"- Hilferufen. Immer heißt es nur ,,Ja gleich, ich hab, grad Hongkong dran! ", und dann stiert unsere Mitbewohnerin wieder mit glasigem Blick auf den Cursor und sabbert auf die Tastatur. Normalen Schriftverkehr, so mit Kuli und Karopapier, verweigert sie inzwischen ganz.

Auch ihre verbalen Äußerungen verkommen immer mehr zu unartikulierten ,,Hmppfss" und ,,Gnümpfs"- Wer E-mailt und im Internet surft, muß wohl nicht mehr reden können. Wenn man meiner Mitbewohnerin einfach den Modemstecker rauszieht, um meinetwegen mal hurtig die Feuerwehr oder die Telephonseelsorge anzurufen, dann tippt sie ihre Messages in den Zwischenspeicher und schreit ,"Ich hab' ein Recht auf freie Kommunikation! "

Wir haben ihr jetzt ein Zimmer in einer anderen WG besorgt. Eine Wohngemeinschaft mit zwei Telephonanschlüssen und einem Mitbewohner der Informatik studiert. Die beiden können dann ihre Putzordnung über Modem ausdiskutieren. Wir nehmen nicht an, daß wir von unserer Mitbewohnerin jemals noch einmal etwas hören werden. Ist auch besser so. Die größte Kluft der Neuzeit besteht zwischen Telephonierern und E-Mailern. Sie können niemals Freunde sein!

Frank M.Ziegler

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