>> START  >> Geschichte

SPÄTES 18. UND 19. JAHRHUNDERT

Das ausgehende 18. Jahrhundert mit seiner Tendenz, altgewachsene Strukturen in neuem Geist der Aufklärung umzugestalten, brachte zunächst einmal wesentliche Änderungen im Bereich der kirchlichen Organisation: wie an vielen anderen Orten wurde 1786 auch in Arzl, das seit alters zur Pfarre Thaur gehörte und von dorther seelsorglich betreut wurde, eine eigene Lokalkaplanei eingerichtet. Der Lokalkaplan wohnte nun in Arzl selbst, wo 1793/94 ein Widum – das 1976 abgerissene Gebäude an der Stelle des jetzigen Pfarrhauses – errichtet wurde.
Wurde mit dieser Reform der seit längerem immer wieder geäußerte Wunsch der Arzler Bevölkerung nach einem eigenen Priester im Dorf endlich erfüllt, so brachten die weiteren Kirchenreformen Kaiser Josephs II., die z.B. zur Säkularisierung der Kalvarienbergkirche führten, offenbar einige Unruhe in das kirchliche Leben, wobei der allem Anschein nach etwas schwierige Charakter des ersten Lokalkaplans Nikolaus Lörgetbohrer nicht unbedingt zur Befriedung beigetragen zu haben scheint.

Wesentlich schwerer wogen allerdings die politischen Wirren der folgenden Jahre bis 1809, die auch Arzl nicht unberührt ließen: wiederholte Durchzüge und Einquartierungen fremder Truppen sollen dem Dorf schweren Schaden zugefügt haben. Im Zusammenhang mit den Kämpfen dieser Jahre werden erstmals auch die Arzler Schützen als Teil des Aufgebotes aus dem Gericht Thaur erwähnt.
Aus den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts stammen die ersten Nachrichten über den infolge der Einführung der allgemeinen Schulpflicht auch in Arzl eingeführten regelmäßigen Unterricht, der nun nicht mehr in erster Linie Religionslehre war. Entsprechend gab es jetzt auch Lehrer weltlichen Standes. Als erster wird Baldhauser Wach genannt, der in seinem eigenen Haus (jetzt Johannesgasse Nr. 2) Unterricht erteilte. Später fand der Unterricht dann doch wieder im Widum statt, bis 1866 ein eigenes Gemeinde- und Schulhaus nördlich der Kirche (Johannesgasse Nr. 3) errichtet wurde.
 

Quelle: Stadtarchiv Innsbruck Ka-5 (Ausschnitt)
Arzl und Umgebung um 1840

Das Dorf  umfasste um 1775 86 Häuser, um 1800 sind es 92, dazu ein Wirtshaus, eine Schmiede, eine Säge und zwei Mühlen. Bis 1840 vermehrte sich die Zahl der Häuser auf 96 mit 124 Familien (insgesamt 551 Einwohner, 249 männlich, 302 weiblich), 1856 waren es schon 103 Häuser; hinzugekommen waren ferner ein weiteres Gasthaus („Hirschen“ seit 1843) und eine Mühle. Ferner gab es einen Krämer, einen Schuster und drei Weber sowie als größeren Betrieb die Mayrsche Ziegelhütte an der Haller Straße.
In diesem Zusammenhang noch einiges zur Bevölkerungsentwicklung im 19. Jahrhundert:
1810  571
1840  551
1869  607
1880  584
1890  669
1900  679
Ein merklicher Bevölkerungszuwachs ist also erst ganz gegen Ende des Jahrhunderts festzustellen, vorher stagnierte die Einwohnerzahl.
Das Gemeindegebiet umfasste in dieser Zeit (Kataster von 1856) etwa 1270 ha (heute umfasst die Katastralgemeinde Arzl vor allem wegen Grenzkorrekturen im Karwendelbereich knapp 2100 ha). Von diesen 1270 ha entfielen auf:
Bau-Areal   ca. 3,95  ha
Gärten    ca. 10,20 ha (davon 10,05 ha Obstgärten)
Äcker ca. 163,14 ha (davon 68,29 ha „Egärten“ mit abwechselnder Acker- und Wiesennutzung)
Wiesen   ca. 170,20 ha (davon 126,21 ha mit Holznutzen)
Weideland   ca. 211,95 ha (davon 26,84 ha Almen)
Waldungen   ca. 253,57 ha
unproduktiver Boden  ca. 445,51 ha
Die oben erwähnte Mayrsche Ziegelei (mit dem später folgenden Kalksteinbruch samt Kalkofen) scheint – zumindest in nachantiker Zeit – das erste Unternehmen gewesen zu sein, das nicht in erster Linie der örtlichen Selbstversorgung diente: ihr bescherte vor allem die intensive Bautätigkeit in Innsbruck ein stattliches Wachstum. Im übrigen aber war die Wirtschaft noch ganz überwiegend darauf ausgerichtet und soweit die Leute nicht schon in Innsbruck oder in den Mühlauer Gewerbebetrieben ihren Lebensunterhalt verdienten, war die Lebensgrundlage ist auch in dieser Zeit noch die Landwirtschaft.
Wenn auch das bebaubare Gebiet nicht klein war, gehörte Arzl doch nicht zu den wohlhabenden Bauerndörfern. Abgesehen von den erwähnten Rückschlägen, die das Dorf im 18. und frühen 19. Jahrhundert erlitten hatte und zu denen 1844 noch eine "Nervenfieber"-Epidemie gekommen war, dürfte für "Armuth und Schulden", worüber nach Angabe des Pfarrers Franz X. Hofer (1840) geklagt wurde, vor allem die starke Zersplitterung des Grundbesitzes verantwortlich gewesen sein dürfte.
Während einerseits ein überdurchschnittlich hoher Anteil kleiner bis kleinster Bauerngüter zum Teil mit Besitzgrößen von weniger als einem Hektar festzustellen ist, fällt andererseits auf, dass Arzl nach dem Steuerkataster von 1775 (mit den Nachträgen von 1840) einen hohen Anteil von „freieigenen“, das heißt keiner Grundherrschaft unterworfenen Gütern aufweist: 45 freieigenen Gütern stehen hier 41 gegenüber, die grundherrlich abhängig sind (in Mühlau dagegen ist das Verhältnis 19 zu 31). Unter den Grundherrschaften sind neben verschiedenen Adelsfamilien, denen insgesamt 18 Güter unterworfen sind, das Kloster St. Georgenberg/Fiecht mit 8 Gütern, die Kirche Arzl mit 5, das Gericht Thaur und die Kirche Innsbruck mit je 4 Gütern zu erwähnen. Mit der allgemeinen Aufhebung der Grundherrschaft 1849 erlöschen diese Rechte auch in Arzl.
Von den etwa 150 Grundbesitzern, die zur Zeit der Katasteranlage um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Arzl festzustellen sind, gehörten etwa 58% zum Bauernstand. Den nächstgrößten Bevölkerungsanteil stellten die „Inwohner“ oder „Ingehäusen“, die über keinen oder nur geringfügigsten Besitz an nutzbarem Boden und kein eigenes Haus verfügten, also in der Regel bei Bauern zur Miete wohnten und ihren Lebensunterhalt als Knechte bzw. Mägde oder Arbeiter verdienten. Eine Mittelstellung zwischen Bauern und Inwohnern nahmen die „Söll-Leute“ oder „Kleinhäusler“ (etwa 11%) ein: dabei handelte es sich in der Regel um jüngere Söhne, für die ein Anteil aus dem elterlichen Hof als eigener Besitz herausgetrennt worden war, oder um ihre Nachkommen; sie verfügten zwar über Haus und Grundbesitz, doch reichte dieser zum Lebensunterhalt nicht aus, so dass auch bei ihnen die Landwirtschaft höchstens Nebenerwerb war und der Haupterwerb ähnlich wie bei den Inwohnern aus abhängiger Arbeit stammte.
Die Gemeindeverwaltung lag zwar tatsächlich noch im Wesentlichen in den Händen der Bauern, grundsätzlich galt aber nach der 1819 erlassenen Gemeindeordnung jeder, der in der Gemeinde zu versteuernden Haus- oder Grundbesitz hatte, einem Gewerbe nachging oder anderen Erwerb hatte, als Gemeindemitglied. Die Verwaltung war gegenüber den oben beschriebenen älteren Verhältnissen etwas stärker reguliert: an der Spitze der Gemeinde stand der Gemeindevorsteher, ihm zur Seite zwei Gemeindeausschüsse (Personen, nicht Gremien!) als Stellvertreter, dazu ein Gemeindekassier für die Verwaltung des Gemeindevermögens und ein Steuereintreiber; eine Vollversammlung der Gemeindemitglieder als beschlußfassendes Organ war in dieser Ordnung nicht mehr vorgesehen, Gemeindeversammlungen konnten aber weiterhin stattfinden.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden auch Landesverwaltung und Gerichtsbarkeit allmählich umgestaltet, wobei auch das alte Gericht Thaur im Landgerichtsbezirk Hall aufging.

"Das Landgericht Hall ist eine Schöpfung der neuern Zeit. Ehedem gab es nur ein Stadtgericht Hall. ... Das Stadtgericht Hall bestand durch eine Reihe von 480 Jahren, bis die k. baierische Regierung Anfang dieses [d.h. des 19.] Jahrhundertes dessen Auflösung aussprach. Mit der Verordnung vom 21. Novbr. 1806 stellte sie dasselbe unter die Aufsicht des Landgerichts Schwaz und freundsberg.- Das nämliche Schicksal traf das Gericht Taur nebst dem Burgfrieden Melans, und das Gericht Rettenberg. Diese Gerichtsherrlichkeiten waren mit den gleichbenannten Schlössern verbunden. ... Unter Taur standen die Gemeinden Mühlau, Arzl, Rum, Taur, Heilig-Kreuz, Absam, Mils, Gnadenwald, Baumkirchen, Fritzens und Terfens... In Folge der Verordnung vom 14. Novbr. 1809 wurden alle privatherrlichen Gerichte, also auch Hall, Taur, Melans und Rettenberg aufgelös´t. Die Verordnung vom 18. Novbr. 1809 konstituierte aus diesen das neue l.f. Landgericht Hall... Nachdem von der wieder eingetretenen österreichischen Staatsverwaltung im J. 1815 die Zurückstellung der Patrimonial-Gerichtsbarkeiten an ihre alten Dynasten, mit Ausnahme jener der Gemeinden, ausgesprochen worden, traten Rettenberg und Taur nebst Melans als solche auch wieder in das Leben. Für die Stadt Hall... wurde am 1. Mai 1817 ein l.f. Landgericht II. Klasse unter der Benennung "Landgericht Hall" in Wirksamkeit gesetzt. Indessen stellte auch Freiherr von Lochau Rettenberg, Freiherr von Sternbach Taur, und Felix von Riccabona den Burgfrieden Melans nach einigen Jahren der Regierung zurück. Das Gericht Rettenberg wurde am 1. Novbr. 1825, Taur nebst Melans am 15. Jänner 1830 dem Landgerichte Hall zugeteilt. In Folge solcher bedeutenden Vergrößerung erschwang sich dieses in die Kategorie der Landgerichte I. Klasse. In Beziehung auf die Kriminal-Gerichtsbarkeit untersteht dasselbe dem Stadt- und Landrechte von Innsbruck." (J.J. Staffler, Tirol und Vorarlberg II.I.2 (1842) 553f.)

zum 20. Jahrhundert >>

Haben Sie Anregungen, Hinweise, Korrekturvorschläge? Haben Sie Material (Photos, Dokumente, Überlieferungen...), das Sie zur Verfügung stellen wollen?
Bitte melden Sie sich!

Dietrich Feil
General-Feurstein-Straße 13
6020 Innsbruck/Arzl


(C) Dietrich FEIL, Innsbruck/Arzl, 2002
 
Diese Seiten werden auf einem Server der Universitaet Innsbruck gehostet und unterstehen diesen Richtlinien.