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20. JAHRHUNDERT BIS ZUR
EINGEMEINDUNG 1940

Die Nähe zu Innsbruck und ihre Folgen

 Schon auf Grund der geographischen Nähe gab es von Anfang an Beziehungen zwischen Arzl und Innsbruck, aber erst im fortgeschrittenen 19. Jahrhundert wurden sie so intensiv, dass Arzl schließlich ganz in den Sog der größeren Stadt geriet.
Dabei war der erste und zumindest aus Innsbrucker Sicht wohl wichtigste Berührungspunkt das Wasser. Mit zunehmendem Wachstum der Wohnbevölkerung, aber auch mit der Entwicklung von Gewerbe und Industrie stieg der Wasserbedarf der Stadt Innsbruck im 19. Jahrhundert so stark, dass mit den bisher genutzten Quellen kein Auslangen mehr zu finden war. So lag es nahe, sich um die weitere Wasservorkommen in der näheren Umgebung zu bemühen, vor allem um die im Quellgebiet des Wurmbaches am Fuß der Arzler Reiße. Auf Grund geologischer Gegebenheiten tritt hier ein Gutteil des im Karwendelgebiet angesammelten Wassers zu Tage und die Quellen sind die weitaus ergiebigsten in der näheren Umgebung von Innsbruck (sie decken bis heute über zwei Drittel des städtischen Wasserbedarfs).
Die alte Wasserableitung aus dem frei fließenden Bach oberhalb von Mühlau, wie sie seit dem späten 16. Jahrhundert bestand, konnte den gestiegenen Ansprüchen neuerer Zeit nicht mehr genügen und so bemühte sich Innsbruck um den direkten Zugang zu den Quellen. Diese lagen zwar zum Teil auf Rumer Gebiet, die meisten Nutzungsrechte gehörten allerdings seit langem zu Arzl. So hatte Arzl einerseits gewaltige, aber weitgehend ungenutzte Wasservorräte, andererseits selbst eine schlechte Wasserversorgung, weil es an eigenen Mitteln zur Errichtung einer leistungsfähigen Druckwasserleitung fehlte. In der "Topographie der Lokalkaplaney Arzl" des Pfarrers F.X. Hofer von 1840 heißt es diesbezüglich: "Es hat nur eine kleine aber schnell vom Berg herabflüßende Wasserleitung, die... die Wege des Ortes im Sommer kothig, im Winter sehr eißig macht."
So kam es am 5. Juli 1888 zu einer Vereinbarung zwischen Arzl und Innsbruck, welche der Stadt Innsbruck die Mitbenützung der Quellen erlaubte. Im Gegenzug erhielt Arzl eine moderne Druckwasserleitung, wodurch die seit langem unbefriedigende Wasserversorgung des Dorfes grundlegend verbessert wurde (eingeweiht am 9. XII. 1888).

Das ausgehende 19. Jahrhundert und die Jahre bis zum Beginn des I. Weltkrieges waren für Arzl anscheinend recht gedeihlich, jedenfalls sind in dieser Zeit nach Jahrzehnten weitgehender Stagnation auffallend viele öffentliche und kirchliche Bautätigkeiten zu beobachten:
1892 wird das Schulhaus aufgestockt
1903 erhält die Kirche eine größere Sakristei
1903/04 wird das Gemeindehaus (Krippengasse 4, ehem. Arzl 21) errichtet
1906 wird eine neue Turmuhr angeschafft
1907/08 kommt ein neues Glockengeläut dazu
1912/13 wird der neue Friedhof angelegt

War im 19. Jahrhundert in Arzl kein nennenswertes Bevölkerungswachstum festzustellen gewesen, so sollte sich das im 20. Jahrhundert gewaltig ändern:
1900  679
1910  938
1920  880
1934  1861
1939  2327
1955  2627
1961  2809 (bis hierher Daten der gesamten Katastralgemeinde Arzl)
1970  2669 (nur noch die statistischen Bezirke 60 = Arzl Dorf und 61 = Arzl West)
1981  3348
2000  3852
Im Laufe eines Jahrhunderts hat sich also die Wohnbevölkerung etwa versechsfacht. Diese Zunahme war nur zum kleineren Teil Folge natürlichen Bevölkerungswachstums, Auslöser war vielmehr die Nähe zu Innsbruck.
Die Landeshauptstadt wurde in Folge ihres starken Wachstums im 19. und 20. Jahrhundert immer mehr zum Gravitationszentrum für alle umliegenden Gemeinden: hier konzentrierten sich die Regierungs- und Verwaltungsstellen, die wichtigsten Arbeitgeber, dazu die meisten Abnehmer für alle Arten von Produkten, andererseits siedelten sich viele, die der Arbeit wegen nach Innsbruck kamen, in den umliegenden Gemeinden an. Entsprechend richtete sich das Leben des Umlandes immer stärker nach Innsbruck hin aus, was auch in verschiedenen Verwaltungsmaßnahmen seinen Ausdruck fand: zum Beispiel wurden Arzl und Mühlau 1925 aus dem Gerichtsbezirk Hall ausgegliedert und dem Bezirksgericht Innsbruck unterstellt.

Die Eingemeindung von Arzl

Das Wachstum der Stadt Innsbruck führte seit Beginn des 20. Jahrhunderts dazu, daß umliegende selbständige Landgemeinden in immer engere Berührung mit der Stadt kamen: die Siedlungsgebiete wuchsen teilweise zusammen, die wirtschaftlichen Interessen verflochten sich zunehmend, ein beträchtlicher Teil der ehemals ländlichen Bevölkerung fand in Innsbruck Arbeit und manche, die von anderswo aus beruflichen Gründen nach Innsbruck gekommen waren, ließen sich in den umgebenden Gemeinden wohnhaft nieder.
Logische Folge dieses Zusammenwachsens waren Überlegungen, auch die Gemeinden rechtlich zusammenzuführen. Als erste wurde die Gemeinde Wilten und Pradl, das zum Zwecke der Vereinigung mit Innsbruck aus der Gemeinde Amras herausgelöst werden mußte, 1904 mit Innsbruck vereinigt.
Während den früheren Eingemeindungen längere Verhandlungen der betroffenen Gemeinden vorauszugehen pflegten, wurden diese Maßnahmen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme rücksichtsloser vorangetrieben: Im Falle von Hötting, Amras und Mühlau wurden sie noch 1938 per Dekret vollzogen, im Falle von Arzl wählte man einen etwas komplizierteren Weg.
Innsbruck sah sich in dieser Zeit offenbar als "Stadt ohne Raum", vor allem in Hinblick auf die zu erwartende Ansiedlung von Südtiroler Auswanderern infolge des Hitler-Mussolini-Abkommens. So wurde zuerst veranlaßt, daß der nach dem Anschluß Österreichs 1938 eingesetzte Bürgermeister Lechner abtrat und der Innsbrucker Oberbürgermeister Dr. Egon Denz zugleich Bürgermeister von Arzl wurde. Seine Neujahrsbotschaft zur Jahreswende 1939/40 zeigt deutlich genug, worum es im weiteren gehen sollte:

Quelle: Stadtarchiv Innsbruck
"... 
Den Südtirolern wird im Großdeutschen Reiche eine neue Heimat geschaffen werden.
Die Gauhauptstadt Innsbruck ist dabei ausersehen, einen Teil der volksdeutschen Umsiedler aufzunehmen. Dieser zu erwartende Bevölkerungszuwachs stellt Innsbruck vor die große Aufgabe, nicht nur für die Unterbringung dieser Umsiedler durch Erstellung der notwendigen Wohnräume zu sorgen, sondern auch für deren wirtschaftliche Sicherung die erforderlichen Grundlagen durch Erschließung neuer Erwerbsquellen zu schaffen.
So wird nach der mit 1. April 1940 geplanten Eingliederung der Gemeinde Arzl in die Stadt Innsbruck auf diesem Gebiete im Zusammenwirken mit dem Reiche, Gau und gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften ein vollkommen neuer Stadtteil mit allen notwendigen öffentlichen Einrichtungen und Gewerbebetrieben erstehen.
..."

Innsbrucker Nachrichten, 1. Jänner 1940

Daß die Maßnahmen von höchster Stelle gefördert wurden, zeigt der folgende Zeitungsbericht:

Quelle: Stadtarchiv Innsbruck
"Führererlaß über städtebauliche Maßnahmen in Innsbruck
...
Im Reichsgesetzblatt wurde folgender Erlaß des Führers und Reichskanzlers veröffentlicht:
"Erlaß des Führers und Reichskanzlers über städtebauliche Maßnahmen in der Stadt Innsbruck. Vom 15. März 1940.

Für die Stadt Innsbruck ordne ich die Durchführung der städtebaulichen Maßnahmen an, die zur Anlage und zum Ausbau sowie zur planvollen Gestaltung der Stadt erforderlich sind.
Ich beauftrage den Gauleiter des Gaues Tirol-Vorarlberg der NSDAP, Franz Hofer, die im § 1, Abs. 2, und § 3 des Gesetzes über die Neugestaltung deutscher Städte vom 4. Oktober 1937 (Reichsgesetzblatt I, S. 1054) erwähnten Maßnahmen zu treffen.
Der Beauftragte kann seine Befugnisse über das Gebiet der Stadt Innsbruck hinaus auf das Gebiet der Gemeinden Arzl und Rum ausdehnen, soweit dies zur Durchführung seiner Aufgabe erforderlich ist.
..."
 
 

Innsbrucker Nachrichten, 23. März 1940
 

Daß es auf Arzler Seite neben großdeutscher und "groß-Innsbrucker" Begeisterung auch Skepsis und Ablehnung gegenüber diesen  Zwangs-Eingemeindungsmaßnahmen gegeben hat, ist naheliegend und wird übereinstimmend berichtet, allerdings finden die ablehnenden Stimmen keinen Niederschlag in den zeitgenössischen Veröffentlichungen. Offener und wirksamer Widerstand war aus naheliegenden Gründen ohnehin nicht möglich und so wurde am 1. April 1940 die Eingemeindung rechtlich vollzogen:

Quelle: Stadtarchiv Innsbruck
Arzl mit der Gauhauptstadt Innsbruck vereinigt
Eingemeindung mit 1. April rechtswirksam - Große Bauräume für Siedlungs- und Wohnzwecke gewonnen

... Mit der Verordnung vom 27. März 1940 hat der Landeshauptmann von Tirol und Vorarlberg die ab 1. April 1940 rechtswirksame Vereinigung der Gemeinde Arzl mit der Stadt Innsbruck ausgesprochen. Die Gemeinde Arzl hört demnach auf, selbständig zu sein... Die Notwendigkeit... dieser Eingemeindung erhellt aus folgendem:...
Den Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechend, mußte sowohl für Großwohnungsbauten als auch für Siedlungen vorgesorgt werden. Zu diesem Zwecke wurden bereits die Orte Hötting, Mühlau und Amras eingemeindet. Leider haben diese Gemeinden... nicht jenen Grundzuwachs gebracht, der eine wesentliche Ausweitung der Stadt gewährleistete... Die Eingemeindung... von Arzl... stellt nun der Stadtverwaltung siedlungsgeographisch jene Bauräume zur Verfügung, die, dem Anwachsen der Bevölkerungszahl entsprechend, von der Stadt als unabweisliche Notwendigkeit zur Schaffung von Wohnungen zu fordern waren...
Ein Großteil der Einwohner von Arzl steht in Innsbrucker Betrieben in Arbeit, so daß auch von dieser Seite her gesehen die Eingemeindung als natürliche Folge bereits bestehender Verhältnisse betrachtet werden kann."
Innsbrucker Nachrichten, 1. April 1940

So wurde Arzl Teil der Gemeinde Innsbruck. Während aber die administrativen Schritte zur Eingemeindung zügig vorangetrieben worden waren, stockte der großartig geplante Ausbau aus naheliegenden Gründen.


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