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MITTELALTER UND FRÜHE NEUZEIT

Das bajuwarische Frauengrab und die Kirche, bei der anzunehmen ist, daß die Kulttradition ungebrochen ins Mittelalter (und letztlich bis heute) fortdauert, bleiben für einige Jahrhunderte die einzigen sicheren Zeugnisse für die Besiedlung und Bebauung des Arzler Raumes. Daß er zweifellos auch in diesen "dunklen" Jahrhunderten besiedelt und bebaut gewesen ist, liegt aber darüberhinaus wegen der günstigen geographisch-klimatischen Verhältnisse nahe: ein derart günstig gelegener Ackerboden dürfte nie unbewirtschaftet geblieben sein. Dafür könnten die fortbestehende Grundstücksgrenzen aus römischer Zeit und sicher die Vielzahl von Flurnamen, die aus dem romanischen Sprachbestand abzuleiten sind, sprechen.

Im Jahr 1173 wird dann erstmals urkundlich der Ort Arzl erwähnt und zwar unter dem Namen "Arcella". Wenn dieser Ortsname von lateinisch "arcella = kleine Burg" herzuleiten sein sollte, müßte er sich auf die vermutete prähistorische befestigte Ansiedlung auf dem Scheiben- und Spitzbichl beziehen. (Zu den sagenhaften Berichten über eine mittelalterliche Burg auf dem Kalvarienberg vgl. dort.)(1)

Etwa 60 Jahre später, 1237, wird dann auch die schon länger bestehende Kirche in Arzl urkundlich erwähnt: sie dürfte schon im 12. Jahrhundert vergrößert worden sein.
Das erlaubt den Schluß, daß Arzl in dieser Zeit schon eine einigermaßen ansehnliche Siedlung gewesen sein muß, doch haben sich kaum Reste davon erhalten. Nur der burgartige Wohnturm, der in das Haus Weinberggasse 6 eingebaut war und in seinem Kernbaubestand etwa dem 12. - 14. Jahrhundert entstammte, dürfte noch mit dieser ersten Dorfsiedlung zu verbinden gewesen sein.

Das Inntaler Steuerbuch aus dem Jahre 1312 überliefert hinsichtlich der "Stiure (Steuer) von Artzelle" genauere Zahlen, wobei allerdings zu bedenken ist, daß damals auch Mühlau zu Arzl gehörte und mithin die Angaben beide Orte betreffen. Hier werden nun 56 Steuerpflichtige  angeführt, darunter auch die beiden seit 1288 nachweisbaren Einzelhöfe "datz Purren" (= Purn- und Rechenhof).
Das nächste vergleichbare Verzeichnis, das Tiroler Untertanenverzeichnis von 1427, zeigt keine weitere Zunahme, im Gegenteil, hier werden nur 53 Familien angeführt.

Quelle: Pfarrarchiv Arzl
Urkunde vom 9. Oktober 1378: Herzog Leopold von Österreich gibt seine Zustimmung dazu, daß Heinrich Snellmann den Zehent von Arzl für verschiedene Meßstiftungen aufwendet.

Größere Bautätigkeit ist im 15. Jahrhundert bei der Kirche zu beobachten: nachdem sie seit dem späteren 14. Jahrhundert vermehrt Stiftungen erhalten hat, bekommt sie wohl schon im früheren 15. Jahrhundert den noch heute im Kern bestehenden Turm und wird um 1477/80 ganz umgebaut
(vgl. Baugeschichte der Arzler Pfarrkirche).


MÜHLAU

Da bis etwa 1740 auch Mühlau zur Gemeinde Arzl gehörte, scheint es angebracht, auch die Entwicklung dieses Ortes kurz zu behandeln.
Die ersten urkundlichen Nachrichten über Mühlau stammen aus dem 12. Jahrhundert, im 13. weiß man aus den Urbaren Meinhards II. (1288) von einem Schwaighof und einem Gut, wobei als Ortsnamen "Arcelmuelin", d.h. etwa "Arzlmühlen", auftritt.
Damit ist schon die wesentliche Bestimmung dieses Siedlungsteiles genannt: der Mühlauer Bach diente bis in das 19. Jahrhundert, in gewisser Hinsicht sogar bis heute, als Energielieferant für eine ganze Reihe von Mühlen und Gewerbebetrieben verschiedenster Art und Mühlau war dementsprechend in der ersten Phase eine durchaus nicht in der Au, sondern am Mühlbach gelegene Siedlung. Erst in einer zweiten Phase, mit der Anlage der neuen Landstraße (vgl. unten), entwickelte sich ein zweiter Ortsteil in der Talniederung entlang dieser neuen Straße. (Weil die Beziehung zur Au erst eine sekundäre ist, heißt der Ort früher auch nie "Mühlau" sondern "Mülein, Mülan, Mühlen" u.dgl.; die heutige Namensform setzt sich erst im 19. Jh. durch.)
Der Wasser und Energie spendende Mühlauer Bach ist also gewissermaßen die Lebensader des Dorfes und Grund für die Bedeutung, die Mühlau vor allem im späten Mittelalter bzw. in der frühen Neuzeit hat. Neben den Getreidemühlen entstehen nämlich auch Hammerschmieden und andere metallverarbeitende Werkstätten; so werden hier seit der Zeit Herzog Sigmunds, vielleicht schon Friedrichs IV.,  Plattnerwerkstätten zur Erzeugung vor allem von Brustharnischen und Helmen betrieben, in der Zeit des Kaisers Maximilian kommen noch Schmelzhütten dazu, in denen unter anderem auch zahlreiche Statuen für das Kaisergrab in der Hofkirche gegossen werden, die bis zur Fertigstellung der Hofkirche 1563 über vierzig Jahre in dem noch durch Jahrhunderte so genannten "Bilderhaus" (Ferdinand-Weyrer-Straße 1) aufbewahrt wurden.


Das 1890 umgebaute Haus Ferdinand-Weyrer-Straße 1 (links im Schatten) wurde ursprünglich 1511 als Wohnung für Gilg Sesselschreiber, der viele der "Schwarzen Mander" goß, errichtet; im Haus befindet sich noch die Halle, die für die Aufbewahrung der Figuren bis zu ihrer endgültigen Aufstellung in der Hofkirche gebaut wurde. Die Gießerei befand sich im danebenliegenden Haus Nr. 3 (hier in der Sonne).

Wohl wegen der größeren Nähe zum Hof in Innsbruck entstanden in Mühlau - im Unterschied zu Arzl, wo solche Bauten gänzlich fehlen - auch mehrere Adelssitze (vor allem die zum "Sternbachschlößl" zusammengeschlossenen Ansitze Rizol und Grabenstein).
Weil der Mühlauer Bach außer Energie auch Wasser liefert, wurde er schon im 16. Jahrhundert durch die Anlage einer oberhalb der Schweinsbrücke abgezweigten, dem Verlauf der Josef-Schraffl-Straße folgenden und schließlich bei der "Kettenbrücke" über den Inn geführten Wasserleitung für Innsbruck nutzbar gemacht. (Näheres in der Abteilung "Wasser".)


Oberhalb der Josef-Schraffl-Straße unweit der Schweinsbrücke steht noch das "Hofbrunnenhäusl", der Ausgangspunkt der im späten 16. Jahrhundert errichteten Wasserleitung vom Mühlauer Bach in die Stadt Innsbruck.

DIE NEUE LANDSTRASSE DURCH DIE AU

Über die Entwicklung des Dorfes Arzl selbst gibt es aus dem 15. und 16. Jahrhundert wenig zu berichten, umso besser ist uns die Geschichte des Verkehrs durch Arzl bzw. an Arzl vorbei belegt:

Solange der Talboden mit den Innauen noch weitgehend versumpft war, führte der einzig brauchbare Weg von Innsbruck nach Hall und weiter nach Osten etwa auf der Linie der heutigen Dörferstraße durch die "MARTHA"-Dörfer Mühlau, Arzl, Rum, Thaur und Absam. Mit der zunehmenden Trockenlegung der Innauen zwischen Innsbruck und Hall bot sich allerdings ein wesentlich ebenerer und mithin bequemerer Weg an, den der Handelsverkehr verständlicherweise nutzen wollte. Da es allerdings kein regelrechter Weg war, erfolgte die Durchfahrt illegal und seit dem frühen 16. Jahrhundert wird berichtet, daß die "Pauren zu Arzl" sich fast täglich gegen den ordnungswidrigen, die Wirtschaft in den Dörfern ebenso wie die Landwirtschaft in den Auen schädigenden Verkehr bei den Innsbrucker Regierungsstellen beschwert hätten.
Im Jahre 1532 kam es zu einer ersten Kompromißlösung durch die "Wegordnung durch die Aw zwischen Ynsprugg und Hall": der Wagenverkehr durfte danach den Weg durch die Au zur Winterszeit, wenn der Boden hart gefroren war, nutzen, mußte sonst aber auf der Landstraße durch die Dörfer bleiben. Der Weg durch die Au wurde in diesen Monaten durch versperrbare Schlagbalken bei der "Saiffenhütten" in Mühlau und der Ortseinfahrt Hall bei der Fassergasse geschlossen (vgl. eine Urkunde im Haller Stadtarchiv).
Im Zusammenhang mit dieser Regelung dürfte auch die Verlegung des Hauptdurchzugsweges durch Arzl zu sehen sein: war er bisher auf der Linie Alois-Schrott-Straße - Johannesgasse mitten durch das alte Dorf verlaufen, so entschärfte man ihn nun etwas, indem man den alten Feldweg, der auf der Linie der heutigen Arzler Straße verlief, zum Hauptweg machte. Der am alten Haus Schnellmanngasse Nr. 2 angebrachte österreichische Bindenschild mit der Jahreszahl 1549 dürfte als Hinweis auf diese Straßenverlegung gedeutet werden (ob allerdings hier amtlich Wegegeld eingehoben wurde, muß zweifelhaft bleiben).

Quelle: Stadtarchiv Innsbruck Ph-5112
Das Haus an der Kreuzung Arzler Straße - Schnellmanngasse zeigte an der Südseite das mit 1549 datierte österreichische Bindenschildwappen. Hier könnte Wegzoll eingehoben worden sein.

Diese Kompromißlösung konnte allerdings nicht von langer Dauer sein, denn das Interesse der Handelstreibenden und der Stadt Innsbruck, die den Verkehr von der Ellbögener Salzstraße weg und über Schönberg in die Stadt bringen wollte, war zu stark.
Daher sah sich Erzherzog Ferdinand II. etwa fünfzig Jahre später veranlaßt, eine neue, für die Bauern und für den Verkehr günstige Lösung zu suchen, und erließ am 15. November 1585 folgendes:

"Damit den Dörfern zwischen Innsbruck und Hall ihr Waidbesuch in der Haller Au unverderbt bleiben und dennoch die Straßen und das Fuerwerch durch die Haller Au offen erhalten werden, soll heroben von Arzeler Wiesen an, bis hinab gegen Hall, ain schnuergerather Weg, so brait, daß drei Gueterwagen nebeneinander geraumblich gehen, und also einander wohl ausweichen könnten, fürgenommen, ausgesteckt und auf baiden Seiten, hinab und hinab, mit zimlich weiten und tiefen Graben, darüber weder mit fahren noch mit reuten fueglich, versorgt werden. Dieser Weg wird fest, guet und beständig bleiben, denn er wird von dem Ertreich und Koth, so aus den Gräben daraufgeschlagen, etwas erhebt und die Nässe und das Wasser alles in die Gräben versetzen. Man wird den Weg auf baiden Seiten mit Felbern (= Pappeln), die dann dies Orts wohl geraten, besetzen, tuet nit allein, um soviel mehrer Stand des Wegs, sondern auch ainen feinen Schatten abgeben und desto lustiger zu wandeln sein wird. Die Giessen (= Bäche), so man mit diesem Weg antreffen muß, kunnten mit Pruggen und in ander Weg also versorgt werden, wenn sie schon in der Wassergröß (= Hochwasser) anlaufen, daß sie doch an dem Hin- und Wiederwandeln keine Verhinderung brächten. Diejenigen, so mit fahren oder reuten über die Gräben zu setzen und andern Weg zu suchen sich unterstünden, sollen gestraft werden."(2)
So entstand also die Haller Straße in ihrem heutigen Verlauf am Südrand der Arzler Felder. Daß sie die Flurgrenze zwischen "alter Au" und "neuer Au", die den Arzler Bauern erst 1774 überlassen wurde, bildet, zeigt, wie sehr beim Wegbau auf die Interessen der Landwirtschaft Rücksicht genommen wurde.
(Die Haller Straße diente bald übrigens auch als Zufahrt zu der von Erzherzog Ferdinand II. 1589 gestifteten Maria Loreto-Wallfahrtskirche westlich von Hall. Damals wurden auch die 15 steinernen Wegsäulen mit - jetzt neuen - Darstellungen der Rosenkranzgeheimnisse aufgestellt.)


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Anmerkungen:
(1) Unabhängig von der Tatsache, daß arcella "kleine Burg" heißt, ist aber die Frage, ob der Ortsnamen davon hergeleitet werden muß, vgl. Heitmeier (2002) 60 zur Römerzeit. (^)
(2) Hye (1974/75) nach: O. Stolz, Geschichtskunde der Gewässer Tirols (1936) 298f. (^)

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(C) Dietrich FEIL, Innsbruck/Arzl, 2002
 
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