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RÖMERZEIT


Der folgende Text entspricht dem Kenntnisstand Anfang 2003.
Einiges hat sich seither geändert!
Neues zur älteren Geschichte von Arzl
in der Ausstellung

Ausgrabungen auf dem Kalvarienberg und am Scheibenbichl
2004


Die römische Eroberung des Alpenraumes um 15 v. Chr. kann natürlich auch für den Arzler Raum nicht ohne Folgen geblieben sein, doch ist es mangels schriftlicher Überlieferungen oder archäologischer Befunde nur schwer möglich, diese im Einzelnen festzustellen.

Die römerzeitlichen Funde sind so spärlich, daß sie eigentlich nur zwei Schlüsse zulassen:
1. der Arzler Raum war selbstverständlich auch in römischer Zeit besiedelt, was wegen der begünstigten Lage ohnehin zu erwarten war;
2. ein dorfartiges Zentrum dürfte gefehlt haben, anzunehmen sind dagegen gutshofartige Villen am unteren Rand der Feldflur vor dem Rain zu den Innauen; eine solche Anlage ist - wie schon der Flurnamen nahelegt - "in der Vill" zu vermuten, eine zweite vielleicht im Bereich des Exerzierweges.
Dagegen gibt es anscheinend keine Hinweise auf Besiedlung in höheren Lagen. Das entspräche durchaus der öfters zu beobachtenden Tatsache, daß Höhen- und Hügelsiedlungen älteren Ursprungs in römischer Zeit aufgelassen wurden.

Erwähnenswert ist der interessante, in seiner Aussagekraft allerdings nicht ganz unumstrittene Versuch von H. Bachmann,  den Verlauf von Wegen und Flurgrenzen in die ortsgeschichtliche Untersuchung einzubeziehen.

Flurkarte nach: Bachmann (1963/64).

Bachmann stellt fest, daß der Abstand zwischen Wegen oder Feldgrenzen öfters dem Maß von 6*120 römischen Fuß (ca. 210 m) entspricht, einem Grundmaß der römischen Feldvermessung. Da sich ähnliche Abstände in mehreren Orten des mittleren Inntals (z.B. auch in Rum und Thaur) finden lassen, nahm Bachmann an, daß hier in römischer Zeit eine großangelegte Flurvermessung stattgefunden habe.
Da eine solche nahezu zwangsläufig auch mit Veränderungen der Besitzverhältnisse verbunden gewesen sein muß, wäre sie am ehesten in unmittelbarem Zusammenhang mit der römischen Eroberung des Landes zu denken. Danach habe es nie mehr eine ähnlich schwerwiegende Umordnung der örtlichen Verhältnisse gegeben, so daß Wegverläufe und Flurgrenzen unabhängig von Besitzerwechseln und ähnlichen Ereignissen überdauert hätten und zumindest in Teilen immer noch die römische Landvermessung widerspiegelten.
Eine wichtige Rolle in Bachmanns Überlegungen spielt der Bruch im Verlauf der Ackerterrassen nördlich der General-Feurstein-Straße (in der Flurgrenzenkarte durch den Pfeil markiert). Dieser im Gelände deutlich wahrnehmbare Sprung befindet sich nämlich in einer Entfernung von ca. 210 m, also 6*120 Fuß, vom Eggenwaldweg und entspräche damit einer Hauptgrenze der römischen Flurvermessung. Da hier die Terrassen also auf den Verlauf der römischen Vermessung Rücksicht zu nehmen scheinen und die Ackerterrassen nach Bachmanns Überlegungen im frühen Mittelalter entstanden sein dürften, müßte die Geländevermessung selbst vormittelalterlich, also wohl römisch sein.
Diese Überlegungen haben einerseits in der lokalen Forschung viel Zustimmung gefunden, andererseits gibt es auch kritische Einwände (1), die vor allem betonen, daß es in keinem Fall möglich sei, Flurgrenzen sicher auch nur annähernd bis in römische Zeit zurückzuverfolgen, und daß das von Bachmann zugrundegelegte Fußmaß eher ein frühmittelalterliches als das klassisch-römische sei.

Einen Hinweis auf römische Besiedlung des Gebietes liefern aber auch der Orts- und manche Flurnamen: "Arzl" geht wohl auf lateinisch "arcella = kleine Burg"(2) zurück und auch Flurnamen wie "Vill" oder "Runggen" zeigen deutlich romanische Wurzeln.

Aufgrund des gehäuften Vorkommens romanisch-stämmiger Flurbezeichnungen, die auf Gewerbe (Mühlen, Walkereien... ) hindeuten, schlägt Irmtraut Heitmeier (3) vor, im Bereich zwischen Mühlau und Thaur so etwas wie ein römisches Gewerbegebiet zu sehen: "Damit diese Namensdeutungen nicht bloße Gedankenspiele bleiben, ist zu überlegen, wer ein solches Gewerbegebiet brauchte, und hier ist nun an die... dauerhafte Stationierung von Militär im Inntal ab Anfang des 4. Jhs. zu erinnern. Die Truppen benötigten nicht nur Kastelle, sondern auch eine entsprechende Infrastruktur. Neben der Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten und großen Weideflächen, die nicht nur für Pferde, sondern auch für den enormen Viehbedarf der Truppen ausreichen mussten, bedurfte es auch handwerklicher Betriebe..." (Heitmeier a.O. 61).

Diese Überlegungen sind vor allem deswegen bemerkenswert, weil damit versucht wird, über die sprachgeschichtliche Einzelbeobachtung und die an sich naheliegende Feststellung, daß es romanisches Namensgut gebe, hinaus ein in sich stimmiges und historisch sinnvolles Gesamtbild zu entwerfen. Was leider für den gesamten Bereich fehlt, sind einschlägige archäologische Funde zur Bestätigung der zwangsläufig immer etwas hypothetisch bleibenden sprachgeschichtlichen Herleitungen.



Funde aus der Römerzeit

Arzl/Kalvarienberg
"einige Schritte südwestlich der obersten Kreuzwegstation knapp unterhalb der Kapelle"; Ende August 1990
römische Münze: Denar (Serratus) des C. Naevius Balbus, geprägt 79/78 v. Chr.
Müller (1990) 219. Haider (1992).

Arzl ohne genauere Fundortbezeichnung
römische Münze: Maiorina des Constantius II. (337-361 n.Chr.), geprägt 350-361.
Ubl (1981) 690 (mit weiterer Literatur).

"In der Vill"
Bruchstücke eines Lavezgefäßes und Glasgefäßscherben, etwa 2./3. Jahrhundert n.Chr.
Ubl (1981) 690 (mit weiterer Literatur).

Mühlau/Schweinsbrücke
Eiserne Lanzenspitze
Ubl (1981) 691 (mit weiterer Literatur).
 



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Dietrich Feil
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6020 Innsbruck/Arzl


(C) Dietrich FEIL, Innsbruck/Arzl, 2002


1 Vgl. z.B. grundsätzlich die Überlegungen von R. Loose, Curtis, Colonia, "Quadrafluren". Zum Problem der Kontinuität frühmittelalterlicher Siedlungselemente im oberen Vintschgau/Südtirol, Berichte zur deutschen Landeskunde 50, 1976, 91-102; vgl. auch Heitmeier (2002) 58, die zu Recht betont, daß in einem unregelmäßigen Gelände keine Feldvermessung "in Form einer großflächigen quadratischen Limitation, wie man sie aus Italien oder Nordafrika kennt... sondern primär durch Streckenvermessung" zu erwarten habe. (^)
2 Ältere Versuche, den Ortsnamen zu deuten, gehen manchmal auch von "Erz" aus und bringen die Entstehung des Ortes Arzl mit angeblichem Bergbau in dieser Gegend in Verbindung. In der neueren Literatur wird die Verbindung "Erz > Arzl"  nicht mehr erwogen.
Die gelegentlich  vorgeschlagene Herleitung von lat. "argilla = Lehm" ist aus sprachgeschichtlichen Gründen nicht zu halten.(^)
3 Heitmeier (2002) 59ff.; wichtig für ihre Argumentation sind v.a. die Herleitung des in Thaur, aber auch in Arzl belegten Flurnamens Pfull von romanisch "folla/fuolla" = Walke und die von Mühlau von "molina" = Mühle. (^)
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