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DIE "TOPOGRAPHIE DER LOKALKAPLANEY ARZL"
von Lokalkaplan Franz X. Hofer (1840)
Der Text wurde von 
Herrn Walter Preindl (Arzl) 
nach dem Original transskribiert und freundlicherweise 
für diese Seiten zur Verfügung gestellt.

Der Text folgt möglichst genau dem Original, auch dort, wo Zeiteigentümlichkeiten und stilistische Eigenarten des Verfassers dem heutigen Leser einige Schwierigkeiten machen können; nur in wenigen Fällen wurde durch geringfügigste Änderungen, vor allem bei der Zeichensetzung, versucht, das Verständnis zu erleichtern. Ebenso wurde die Absatzgliederung gegen Ende des Textes, wo der Verfasser offenbar bemerkte, daß der Platz knapp wurde, und auf Absätze fast ganz verzichtete, übersichtlicher gestaltet.
Biographische Hinweise zum Verfasser gibt es hier, sein Grabstein ist noch an der Arzler Kirche zu sehen.
 

Stadtarchiv Innsbruck Ka-5 (Ausschnitt)
Die Karte, der dieser Ausschnitt entstammt, gehört nicht zur "Topographie..." von F. X. Hofer, ist aber etwa gleich-
zeitig mit seiner Schrift um 1840 entstanden und soll hier den Zustand des Dorfes illustrieren, den Hofer beschreibt.

Eine Anmerkung zu Quellenwert und Zuverlässigkeit der Schrift: Für die Beschreibung des Dorfes um die Mitte des 19. Jahrhunderts ist die "Topographie" des Arzler Lokalkaplans F. X.  Hofer eine der wichtigsten und sicher zuverlässigen Quellen. Anders sieht es mit den Angaben zur älteren Geschichte des Dorfes aus; hier läßt sich der Verfasser auf mancherlei phantasievolle Geschichtskonstruktionen ein, die man besser nicht für bare Münze nehmen sollte. Das gilt vor allem für alles, was mit dem angeblichen Bergbau und mit den Grafen von Thaur zu tun hat.


Topographie
der Lokalkaplaney Arzl im S.L. Dekanate Hall und kk. Landgerichte Hall der Diözäse Brixen.

Arzl,

das auf einer Anhöhe am linken Ufer des Innflusses zwischen Innsbruck und Hall, den 2 merkwürdigsten Städten Tyrols im Unterinnthale schön ruhende Dorf verdankt seinen Nahmen dem Arz-Bergwerke auf dem Purnrain in der Berghöhe und im Ried ob der Mariä Hülf Kappelle, welche am niederen Wege die Gränzscheide zwischen Mühlau und Arzl heut zu Tage ausmacht. Wenn auch dieses Bergwerk, aus dessen Arz die großen ehernen Statuen der Kaiser, Könige, Landesfürsten beiderlei Geschlechtes in der Franziskaner Kirche zu Innsbruck aufgestellt, gegossen sein sollen, schon vor vielen Jahren verschwunden ist, so sieht man auch in unseren Zeiten noch am Purnrain offene Knappen-Löcher, in Ried Erdaufwürfe, und in einer Strecke gegen Mühlau nennt man Gründe - die Kohläcker, Beweisthümmer im wirklichen Leben, daß es ein Arzbergwerk mit einer Schmelze hierorts in der grauen Vorzeit gab.-
Zur Zeit des bestehenden Bergwerkes konnte man in dieser Gegend herrliche Waldungen, welche von Wildtieren und Eyergeflügel freudig belebt wurden, beschauen.

(2)
Das Dorf Arzl hatte einen ergibigen Geldverdienst, gute Professionisten, von denen nur jetzt der Instrumentalschmied im Hause No. 57 erwähnt wird, und einen ziemlichen Wohlstand der Einwohner, die in unseren Zeiten nur einfältig über Armuth und Schulden klagen.
Eine halbe Stunde dauernd umgeht man den sämtlichen Umfang aller Häuser, nur 2 Häuser – der Purnhof und Rehhof  - liegen in einer Ebene am Purnrain in der Höhe, die man von der Kirche weg - durch eine 1/2 Stunde ersteigt, herunter aber gar nicht sehen kann. Gegenwärtig sind die Waldungen großentheils ausgehackt, nur sieht man kahle Hügel; es gibt kein Wild, der Laimichte Boden hindert eine besondere Fruchtbarkeit.
Von den weitherum liegenden vielen Feldern sind schon wohl etwelche an Individuen fremder Gemeinden verkauft worden. Das Dorf brannte 1765 beinahe ganz ab, und hatte viele Leiden durch häufige Durchzüge und Einquartierungen zur Zeit des französischen Krieges und der Revolution der Tyroler 1809.
Hier gibts herrliche Prospekte. Gegen Südwest, die Schöne Umgegend von Innsbruck bis Kranawiten, Südöstlich, die ganze Gegend von Hall und allen Dörfern bis Wattens etc. kannst du sehen.

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Es hat nur eine kleine aber schnell vom Berg herabflüßende Wasserleitung, die jedoch 2 Mühlen, eine Schmiedte, und 1 Säge bedient; die Wege des Ortes im Sommer kothig, im Winter sehr eißig macht.
Westlich gränzt es an das Dorf Mühlau, Südlich an den Innfluß, gegen Osten an die Pfarre Thauer, von allen Seiten eine Viertelstunde; Nördlich an das Geburg gegen Scharnitz, dessen Boroas [eig. "Boreas" = der Nordwind] sich öfters da fühlen läßt. Mehrere besondere Hügel /:Collins:/ die vor Zeiten geschmackvoll bebäumt waren, stehen kahl in der Nähe am Berg.
Eine ringe Stunde am Berge hat man auch eine kleine Alpe anstatt des Waldes angerichtet, die bequem den Einwohnern obwohl im mageren Stande nützt, jedoch nicht von fremden Mandern besucht wird.
Im Jahre der Christen 1663 erbaute mit dankbar religiöser Sinnung die Gemeinde Arzl auf der Spitze jenes Hügels südwärts, hinter dessen Fuße der größte Theil der Häuser sich tief verbirgt, eine Kalvari=Kapelle mit dem heiligen Grab und herab 7 Station=Kapellen zur Verehrung des Leidens Jesu; den Bau leitete die Pfarre Thauer, auch wurde sie vom Hochwst. Herrn Weihbischoffe zu Brixen unter der Veranstaltung des Hw. M. Obrist Pfarrer zu Thauer, 1666 mit dem Aufwande gr. 30 fl feyerlich eingeweiht. Diese Kapelle wird mit vollem Zutrauen der Gemeinde wegen der  schmerzhaften Muttergottes - geschnitzelt, auf dem Altar - zugleich verehrt. Hieher strömt das Volk in der Fastenzeit tausendzählig, besonders von Innsbruck.-

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In Folge des allgemeinen Reichsplanes zur besseren Beorderung der Seelsorgen, leichteren Verbreitung und Aufrechthaltung des Katholicism gaben Se. k.k. Majestet Joseph II nach der Absicht Seiner Mama Theresia - im Jahre 1786 auch Arzl, das bis daher eine Filial der Pfarre Thauer war, wie Mühlau, zu einer eigenen Seelsorgsstation gemacht, und wie andere viele Orte zu einer Lokalie, wie selbe das oestr. Kirchenrecht schildert, erhoben.-
Ganz so wie die Pfarre Thauer, war Arzl immer der Herrschaft der Grafen v.Thauer unterthan, die schon im Jahre Christi 500 berühmt waren, als Taurici von Bayern her zu stammen schienen, verschwägert mit den Herzogen Theodonen etc. von Bayern, und den Königen der Lombardie im höchsten Ansehen standen. Nach dem Tyrolischen Ehrenkranzel des Franz Adam Grf. v. Brandis endete das Grafen Geschlecht der Thaurier, daß man 1308 von selben im Leben nichts mehr bemerkte.
So fiel diese Grafschaft Thauer unter Osterreich, 1806 herrschte wieder der König von Bayern, aber diese Gegend war dem Patrimoniale Excellenz Karl von Sternbach Lehenherrn unterthan bis zur Heimsagung 1828 an Osterreichs Kaiser Franz I.-
Nicht groß ist die Gemeinde Arzl; samt den noch nicht Numerierten Häusern mag es 92 Häuser zählen, dazu gehören auch die Ziegelfabrik des Jos. Mayer Zimmermann zu Innsbruck und das Scherrerhaus an der Haller-Strasse; die Zahl der Seelen für l. J. ist 565, eine wohl gleiche Bevölkerung im k.k. Landgerichte Hall, vorher zu Thauerpatrimoniale.-

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Nach erdenklichem Bewußtsein gehört dieses Dorf zur Diözäse Brixen, wohl früher zum Dekanate Innsbruck, seit einigen Jahren aber zum S.L.Dekanalamt Hall, niemals aber zu einer anderen Pfarre.
Die Orts=Kirche ad tres Ss. Joannes Bapt. Apost. et Nepomuk mag zur Zeit des erfundenen obbemelten Bergwerkes der Landesfürst als eine Kapelle der Knappen, wie auf der k.k. Schmelz auf der Hinterriß gegen Bayern, erbaut haben.
Späteres wurde daraus eine Kirche errichtet, wie sie nach der Brunst 1765 als solche wieder erbaut worden ist.
Im Jahre 1597 starb Peter Kanisius der Jesuit, wie sein Portrait hängend im Zimmer des Hauses allda No. 67 anzeigt.-
Sabina Vindl Witwe Inhaberin nun dieser Bauerschaft weiß, das Haus habe den Jesuiten dortmals angehört, welche die Seelsorge verwalteten, dieses Haus hieß deswegen „Münchenhaus“. Jetzt noch nennt man es - bey Münich. Dann wurde Arzl durch einen Kooperator von der Pfarre Thauer mit Abhaltung der Gottesdienste etc. excurrendo versehen, bis 1786 der neue Lokalkapellan, für den 1794 der Widdum gebaut wurde, als Seelsorger eintratt.
Der Stiftungsfond der Lokalie entstand aus dem 2. Beneficium zu Loreto auf der Hallerau; und aus einem Beitrag ge. 91 f 267 vom HEn.Pfarrer zu Thauer, der den Zehenten ganz von Arzl bezieht.

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Die anno 1766 von ihrer Asche neu erstandene Kirche hat 3 aus aus Holz geschnitzte in Mannsgröße, und gut gefaßte Statuen als Patrone auf dem hohen Altar, die benannten drei Johannes, noch 2 Seiten-Altäre zur Epistel Seite, die heilige Anna - eine gekleidete Statue; ad Evang.Seite die Statue der Unbefleckten Maria, gekleidet.
Sie steht im Centro des Dorfes mit langem, aber nicht breitem Schiffe, fest gebaut, und ein etwas neuer Geschmack der Bauart läßt sich schauen, mit dem Friedacker ganz umgeben.
Weil die Pest einst auch da wüthete, so wurden die Pestleichen auf eigenem Pestfriedhofe seitwärts gegen Mühlau zwischen 2 Hügel völlig unsichtbar - begraben.
Hölzerne Bilder sind da viele, die U.L.Fr. Bildnisse sind gut gekleidet. Den übrigen Kirchen-Apparat bezahlten meistens Wohlthäter, er wird fleißig aufbewahrt und ist bloß gemein. Auf der Sakristei steht der Glocken-Thurm mit 4 Glocken, davon die Größte 16 Centner wägt. Schade! daß die Sakristei keinen Ausgang hat, bloß durch die Kirche.
Im Vergleich mit anderen Seelsorgskirchen findet sich die Kirche in Arzl arm genug. Kaum 12000 fl macht ihr Vermögen aus, die passiv Schulden abgerechnet, obwohl auch das Stifts=Vermögen des Calvari Berges damit einverleibt ist. Die Stiftung für einen Hülfspriester ist noch nicht completiert.–

(7)
Der Lokalie=Widdum, auf einem freyen Hügel in einer 8 Minuten Entfernung gegen Mühlau, 1794 erbaut, wurde durch Bethätigung des Gefertigten 1840 von seinem Verfalle repariert, hat 3 heitzbare Zimmer, keine Stallung, ist allen Winden ausgesetzt, und klein; wird von dem Feldungezifer beunruhigt.
Der I. Lokalkaplan Joann Nikolay Lörgetborer vom Monathe Sptbr. 1786 bis 24. April 1800, da er an Faulfieber starb.
Nach dem Provisor Jos. Braunegger folgte der II. Lokalkaplan Herr Kassian Krißmayer von Pfunds gebürtig, war auch ein practischer medicus, that viel in Vermehrung der Stiftungen, erwirkte als Stiftung einen Waldantheil vom Jos. Wach in perpetuum, überstand die Kriegs-Stürme, war ein Herr, wie keiner seines Gleichen auf der Kanzel, wurde anno 1831 in quiescenten Stand mit 200 f. M. gesetzt, lebt noch als solcher im 87sten Altersjahre zu Mühlau, der Theologie entzogen, aber noch medicino conf... .Presbyter jubilatus. Vivat diu !-
Der III. Localcaplan Herr Joann. Baumann, ein fleißiger, beliebter Curat vom Monath Juni 1831 lebte er bis 8. Aug. 1832.
Auf dem Provisor obigen quiescenten Cassian Krißmayer - der IV. Local Caplan Herr Jos. Fischler vom Monathe Oktober 1832 bis 5. Sptbr. 1839, erhielt den Deficienten Gehalt.-
Auf dem Provisor Anton Zangerle der V. Localcaplan H. Franz Hofer von Sterzing vom l0. Debr. 1839 bis 1840.
Für die Ortsschule findet sich ein Schulzimmer zu ebenen Fuß im Localie Widdum, es reicht hin für die 47 Schulkinder, sehnt aber nach einer Reparatur. Die Gemeinde trägt die Pflicht alle Reparierung des Widdums als ihres Eigenthumes. Die Schule hält einsweilen provisorisch geprüfte Schulgehülfe Andreas Stern, Bauerssohn von Arzl allda, ohne Meßnerdienst, und muß erst das Orgelschlagen lernen, indem sein Vater einen Organisten als instructor seines Sohnes besoldet. Die Kirchendienste alle hat der Lokal Caplan mit dem Gemeinde=Vorsteher und Kirchprobste cumulativ zu vergeben.
Die Gemeinde Arzl erfreut sich auch eines eigenen Armen=Fondes, dessen Verwalter dermalen Lorenz Buchrainer Bauer ist.
Für die Kirche sind die besten Wohlthäter die Familien - Wach - Purner - Hofer - Graupp - Steinlechner - Kastner - und Baron v. Sternbach etc.

Ihrer gütigen Nachsicht über alle eingeschlichenen Fehler beim Mangel schriftlicher Urkunden bittet der Verfasser.-

Zu Arzl am 11. Septbr. 1840 geschrieben
vom Priester Franz Hofer,
Local Capellan.


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Dietrich Feil
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