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EINE BURG AUF DEM KALVARIENBERG?

Der folgende Text entspricht dem Kenntnisstand Anfang 2003.
Einiges hat sich seither geändert!
Neues zur älteren Geschichte von Arzl
in der Ausstellung

Ausgrabungen auf dem Kalvarienberg und am Scheibenbichl
2004


In verschiedenen Schriften des 19. Jahrhunderts findet sich die Behauptung, im Mittelalter habe sich auf dem Kalvarienberg eine Burg der Edlen von Arzl befunden:

"Merkwürdig ragt zwischen dem Dorfe und dem tieferen Heerwege ein Hügel, einst die Stelle eines Schlosses, das dem am Fuße liegenden Dorfe den Namen erteilt, der Wohnsitz der Herren von Arzl, die im 12. und 13. Jahrhundert als angesehene Edelmänner im Innthale auftreten, später aber ganz aus der Geschichte verschwunden sind, jetzt zum Kalvarienberge eingerichtet mit einer weithin schimmernden, hellweißen Kapelle, ebenso bequem der ländlichen Volksandacht wie dem Auge, das Panorama der Gegend zu überschauen..."
(aus: Innsbruck, ein historisch-topographisch-statistisches Gemälde dieser Stadt nebst Ausflügen in die nahen Umgebungen... (Abdruck aus dem Beda Weber "Das Land Tirol") (Innsbruck 1838) 177, zitiert nach: Bachmann (1963/64) 34)

"Südwestlich schwingt sich ein steiler Hügel auf, nach allen Seiten bis an die oberste Spitze vollkommen begrünt und die ganze Umgebung beherrschend. Im Mittelalter trug er das Schloß der Edlen von Arzl, die wie ihre Burg spurlos verschwunden sind; nun im frommen Sinne zum Kalvarienberge gestaltet, trägt er als Krone die Grabkapelle des Erlösers und wird in der Fastenzeit von Scharen Andächtiger oder nach einem Ausfluge Lüsterner besonders aus der Stadt bestiegen."
(aus: J. J. Staffler, Tirol und Vorarlberg topographisch, I.2 (1842) 581, zitiert nach: Bachmann (1963/64) 34f.)

"Nahe beim Dorf Arzl erhebt sich gegen Südost ein steiler, ringsum bis zuoberst begrünter Hügel, welcher auf seinem Scheitel das freundliche Kalvarikirchlein trägt und nach allen Seiten eine weite und sehr schöne Aussicht gewährt. Hier stand einst drohend die Burg der Edlen von Arzl, deren Geschlecht schon lange beinahe spurlos verschwunden ist..."
(aus: G. Tinkhauser, Topographisch-historisch-statistische Beschreibung der Diocese Brixen... II (1879) 475, zitiert nach: Bachmann (1963/64) 35.)

Nun ist zwar nicht zu bestreiten, daß der Arzler Kalvarienberg tatsächlich eine auffallende und in vieler Hinsicht für die Anlage einer Burg geeignet scheinende Erhebung ist, ebensowenig, daß der Name "Arzl" darauf hindeutet, daß sich irgendwann einmal in der Gegend ein befestigter Platz befunden haben muß, aber beides ist weniger ein Hinweis auf die Existenz dieser Burg als vielmehr Grund dafür, die Burg zu erfinden.
Denn gegen die Burg sprechen mehrere gewichtige Argumente:
1. hat niemand auch nur den geringsten Baurest von ihr feststellen können;
2. sind die Edlen von Arzl nicht nur "beinahe spurlos" verschwunden, sondern auch ganz aus dem Nichts aufgetaucht: es gibt in mittelalterlichen Dokumenten und anderen Überlieferungen überhaupt nicht die geringste Spur von ihnen;
3. kann der Ortsnamen "Arzl" nicht auf eine mittelalterliche Burg zurückgehen, sondern muß wegen seiner lateinischen Wurzel (von "arcella" = kleine Burg) noch in Zeiten vor der germanischen Einwanderung entstanden sein;
4. schließlich wäre zu bemerken, daß die eigentliche Kuppe des Kalvarienberges für eine Burg ebenso wie für eine prähistorische Siedlung sehr klein wäre (und zudem ganz wasserlos).

Das heißt: die Edlen von Arzl und ihre Burg auf dem Kalvarienberg sind in das Reich der Legenden und Sagen zu verweisen, weder das eine noch das andere hat es gegeben und die heute noch zu sehende Kalvarienbergkirche ist allem Anschein nach der erste nennenswerte (und feststellbare) Bau, der je auf dem Hügel errichtet worden ist.

Eine etwas rätselhafte Überlieferung bleibt allerdings, denn in einem Bericht über den Arzler Pestfriedhof wird 1892 ein dort befindliches Votivbild beschrieben:
"Die letztere (Votivtafel) trägt folgende Inschrift: "Als im Jahre 1643 in dieser Gemeinde die Pest war, werden sie auch zu Gott gerufen haben ´verschone uns, oh Herr, vor Pest, Hunger und Krieg und vor einem jähen Tod!- Mein Jesus Barmherzigkeit (100 Tage Ablaß).´- Im Vordergrunde der Tafel steht die allegorische Gestalt des Todes, die Sichel wetzend, links... oberhalb das Schloß Arzl, darunter eine Rittersfrau, welche Brod unter die Armen vertheilt, rechts verlassen Arme und Krüppel, neben dem Ortsfriedhofe ein brennendes Haus." (Neue Tiroler Stimmen 1892 Nr. 282, zitiert nach: Hye (1974/75) 1575.)


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Dietrich Feil
General-Feurstein-Straße 13
6020 Innsbruck/Arzl


(C) Dietrich FEIL, Innsbruck/Arzl, 2002
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