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PESTKAPELLE
am Helfentalweg

Am Helfentalweg liegt südlich der Straße (nicht mehr in ursprünglicher Lage!) die kleine Pestkapelle, die letzte Erinnerung an den Friedhof, der hier - weit außerhalb des bewohnten Areals - bei den großen "Pest"-Epidemien der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts (vor allem 1611/12, 1635/36 und 1643 vgl. Fliri (1998) 20 ff.) angelegt wurde, als man die Toten aus Sicherheitsgründen nicht auf dem allgemeinen Friedhof bestatten wollte.
Die erste dieser Epidemien brach im Juli 1611 in Mühlau aus. Unter den Vorsichtsmaßnahmen, die gegen die Ausbreitung der Pest getroffen wurden, waren die Bestellung eines eigenen Totengräbers, dem ein Häuschen in abgesonderter Lage bereitgestellt wurde, und eines neuen Friedhofes für Mühlau und Arzl. Die erste Epidemie scheint allerdings nicht sehr gravierend gewesen zu sein, denn im ganzen Gericht Thaur sollen nur sieben Menschen gestorben sein.  Die folgenden, vor allem die von 1643, haben dafür mehr Opfer gefordert.
Nachdem die Epidemie vorbei und der Schrecken abgeklungen war, setzte ein allmählicher Verfallsprozeß ein, wie folgender Bericht aus dem Jahre 1892 zeigt:
 
... die Einfriedung aus losen Steinmauern ganz im Verfall begriffen ist. Mehrere hölzerne Kreuze, von denen eines die Jahreszahl 1620 trägt, und drei Betstühle stehen in diesem Raume. Gegen Westen erhebt sich eine offene, gemauerte Kapelle mit einer aus Holz geschnitzten Kreuzigungsgruppe; darunter ein Armenseelenbildchen und eine Öllampe, nur mehr fünf auf Holz gemalte Stationen, sieben Votivtafeln und eine größere Gedächtnistafel dienen zur Zierde des kahlen Mauerwerkes.
Die letztere trägt folgende Inschrift: "Als im Jahre 1643 in dieser Gemeinde die Pest war, werden sie auch zu Gott gerufen haben ´verschone uns, oh Herr, vor Pest, Hunger und Krieg und vor einem jähen Tod!- Mein Jesus Barmherzigkeit (100 Tage Ablaß).´- Im Vordergrunde der Tafel steht die allegorische Gestalt des Todes, die Sichel wetzend, links... oberhalb das Schloß Arzl, darunter eine Rittersfrau, welche Brod unter die Armen vertheilt, rechts verlassen Arme und Krüppel, neben dem Ortsfriedhofe ein brennendes Haus.(*)
Der Pestfriedhof wird von den Ortseinheimischen in allerlei Anliegen auch bittgangsweise nicht selten besucht.

aus: Neue Tiroler Stimmen 1892 Nr. 282, zitiert nach: Hye (1974/75) 1575.

Der Verfall setzte sich in der Folgezeit fort, so daß heute von all den 1892 noch vorhandenen Ausstattungselementen des Pestfriedhofes nur noch die Kapelle mit der geschnitzten Kreuzigungsgruppe vorhanden ist, allerdings auch sie in veränderter Form: Die Kapelle, die eigentlich fast schon eher ein Bildstock ist, stand früher etwas nordöstlich vom gegenwärtigen Platz und war bis vor wenigen Jahren in einem sehr schlechten Zustand. Im Zuge eines Grundstücktausches wurde im Jahr 2000 der alte Bau abgetragen und der "Nachfolgebau" an der gegenwärtigen Stelle errichtet.

Die einzige detaillierte Beschreibung des alten Friedhofs stammt aus dem Jahr 1955. Sie ist hier zu finden.
 

Quelle: Stadtarchiv Innsbruck Ph-5119
Die Pestkapelle am ursprünglichen Standort


Die neu errichtete Pestkapelle
(Photo: September 2001; in der Zwischenzeit wurde das hier noch freie Grundstück rechts hinten - durchaus nicht zum Vorteil der Kapelle - verbaut)


Aus dem Pressearchiv der Stadt Innsbruck
Pestkapelle Helfental wurde neu erbaut
Ein Kleinod sakraler Kunst 
5. April 2001 

Die neu errichtete Pestkapelle am Helfentalweg in Arzl ist nicht nur ein Blickfang. „Es ist wichtig, diese Gedenkstätten zu erhalten, sie erinnern an die schwierigen Zeiten unserer Stadt und sind ein kultureller Beitrag zur Bewußtseinsbildung“, so Vizebürgermeister DI Eugen Sprenger anläßlich der offiziellen Übergabe am 5. April.
Die Arzler Pestkapelle in der Helfental Mulde ist eine der drei noch erhaltenen Pestkapellen Innsbrucks (Pradler oder Amraser Pestkapelle beim Dürerheim, vor zwei Jahren renoviert; Pestfriedhof in Hötting, der derzeit wiederhergestellt wird). „Die Pestfriedhöfe wurden aus hygienischen Gründen außerhalb der Ortsgebiete angelegt. Über den Massengräbern wurde eine Kapelle als „kollektiver Grabstein“ errichtet“, erklärt DDr. Lukas Morscher (Stadtarchiv).
Durch einen Grundstückstausch (zwischen Privat und Stadt) konnte die eher abseits gelegene und fast verfallene Arzler Kapelle nunmehr auf einem städtischen Grundstück nur wenige Meter unmittelbar neben dem Helfentalweg neu aufgebaut werden – „in einer Koproduktion zwischen dem ehemaligen Grundstückseigentümer Josef Stern, dem Gartenamt und dem Verschönerungsverein,“ freut sich Innsbrucks Vizebürgermeister über die Zusammenarbeit für dieses sakrale Kleinod. 
In Absprache mit dem Denkmalamt wurde die Kapelle im Auftrag der Stadt gemauert. Im Bereich des Altars gestaltete und montierte die Tischlerei des Gartenamtes der Stadt eine Auflage aus Fichtenholz. Holzplastiken von Maria und Magdalena sowie ein Holzkreuz (saniert von der Igler Restauratorin Traudl Zulehner) stehen auf dem Altar. Die Matreier Kunstschmiede Amort gestaltete das Schmiedeeisengitter (die 23.000 Schilling Kosten übernahm der Innsbrucker Verschönerungsverein). Eingeweiht wird die Kapelle anläßlich der traditionellen und „gelobten“ Arzler Pestprozession am Ostermontag, die bisher nur innerhalb des Ortsgebietes abgehalten wurde, diesmal aber bis zur neuen Pestkapelle geführt wird. (A.G.)

Der oben erwähnte Grundstückstausch führte im weiteren dazu, daß das unmittelbar westlich des jetzigen Kapellenstandorts gelegene Grundstück verbaut wurde. Bei den Aushubarbeiten wurden nach Mitteilung von Pfarrer Dr. Anton Eppacher keinerlei Reste von Bestattungen festgestellt.
 

Die Statuen in der Pestkapelle


Alter Weihwasserstein(?) neben der Pestkapelle


Das zunehmend verbaute Areal des Pestfriedhofes von Norden gesehen (Anfang 2004).
Rechts die Pestkapelle an ihrem neuen Standort, links die turmartige Fischer-Kapelle.

Quellen:
Hye (1974/75)
ÖKT XLV
Plangg (1994) 114ff.
Preindl (2003) 106.


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Dietrich Feil
General-Feurstein-Straße 13
6020 Innsbruck/Arzl


(C) Dietrich FEIL, Innsbruck/Arzl, 2002

* Die Bildbeschreibung wirft übrigens einige Probleme auf, vor allem fragt man sich, was es mit dem "Schloß Arzl" auf sich haben soll, zumal es in der fraglichen Zeit (und wohl auch früher) in Arzl sicher kein Schloß gegeben hat.^
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