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GESCHICHTE DER ARZLER KIRCHE

Bis vor wenigen Jahren war die urkundliche Erwähnung aus dem Jahre 1237 (oder 1378?) der erste Hinweis auf eine Kirche in Arzl (vgl. z.B. Hye (1974/75) 1569; Dehio 128). Allerdings legten die Tatsache, daß Arzl alter Siedlungsboden ist, und das  auf hohes Alter deutende Patrozinium des Hl. Johannes des Täufers immer schon die Vermutung, es habe ältere Bauten gegeben, nahe.
Archäologische Untersuchungen in den letzten Jahren haben aber unerwartet viel ältere Zeugnisse zu Tage gebracht: bei der Renovierung des Fußbodens im Chorbereich 1996 unternahm das Bundesdenkmalamt unter der Leitung von Wilhelm Sydow Grabungen in diesem Teil der Kirche, wobei Reste von zwei Vorgängerbauten freigelegt werden konnten (vgl. Sydow (1996); Sydow (2001)).
(Bilder dieser Grabungen gibt es hier.)


Bauphasenplan (nach Sydow (2001) 111 Abb. 145)
[Der Gesamtgrundriss der Kirche - nicht der Grabungsbefunde! - ist in wesentlichen Punkten grob fehlerhaft.
Die Arzler Kirche it keineswegs ein so windschiefes Gebilde!]

1. Bau (frühmittelalterlich)
Der erste an dieser Stelle nachzuweisende Kirchenbau in Arzl war ein kleiner Saalbau mit nicht eingezogener Apsis mit gleicher O-W-Orientierung wie die noch bestehende Kirche. Die lichte Breite des Kirchenraumes läßt sich mit etwa 3,50 m beziffern, die Länge ist nicht genau bekannt, weil das Westende des Gebäudes nicht ergraben werden konnte; Vergleiche mit der sehr ähnlichen Kirche in Weer (Sydow (2001) 108-112) lassen eine Länge von ca. 7,50 m vermuten. Die etwa 0,60 m starken Mauern waren aus Lesesteinen von sehr unterschiedlicher Größe und nur grob rechteckig behauenen Steinen mit bräunlichem Mörtel aufgeführt.
Zu dieser ersten Kirche muß bereits ein Friedhof gehört haben, denn unter dem Boden der romanischen Apsis wurden Knochen aus gestörten Gräbern gefunden.
Die auffallende Ähnlichkeit der ersten Arzler Kirche mit der besser erforschten von Weer legt eine Datierung dieses Baues in das 8. Jahrhundert, also etwa in karolingische Zeit, nahe. Die Kleinheit des Gebäudes führt weiter zum Schluß, daß es nicht eine Gemeindekirche im engeren Sinne gewesen sein dürfte, sondern eine "Eigenkirche" eines örtlichen Grundbesitzers. Solche Eigenkirchen sind mittlerweilen im altbesiedelten Teil Nordtirols an vielen Stellen nachgewiesen und zeigen, daß sich die Organisation der Seelsorge im frühen Mittelalter wesentlich von der späterer Zeit unterschieden hat.


Die frühmittelalterliche Kirche
(Feil (2004) Abb. 3)
2. Bau (romanisch)
Geringe Kohlenreste lassen vermuten, daß die erste Kirche abgebrannt sein dürfte. Wahrscheinlich im 12. Jahrhundert wurde daher eine neue, merklich größere Kirche errichtet, die nach allen Seiten über den alten Bau hinausreicht (das Westende ist allerdings auch hier nur aufgrund geläufiger Proportionen zu erschließen).
Die lichte Weite des Kirchenschiffes belief sich bei diesem Bau auf 6,30 m, die lichte Länge dürfte nach der üblichen Proportion von 2:3 auf 9,50 m zu berechnen sein. Die Apsis ist hier gegenüber dem Kirchenschiff deutlich um zwei Mauerstärken eingezogen, wodurch sich mit ca. 3 m lichter Weite ein verhältnismäßig enger Raumteil ergibt, und gestelzt.
Die Mauern bestehen hier aus leicht zurechtgehauenen, in gleich hohen Scharen verlegten Lesesteinen. Reste von gelblichem Putz sind im Apsisbereich erhalten. Auffallend ausgeprägt ist der Fundamentvorsprung.
Ungewöhnlich ist die Stellung des 1,15 * 1,10 m großen Altares im Scheitel der Apsis. Seine oberste erhaltene Lage besteht aus an der Vorderseite exakt zugeschnittenen Tuffblöcken.
Diese romanische Kirche dürfte zweimal durch Brände beschädigt worden sein, doch scheint sie jeweils ohne große bauliche Veränderungen wieder instandgesetzt worden zu sein.
Diese Kirche muß die 1237 (oder 1378?) urkundlich erwähnte gewesen sein.


Die romanische Kirche
(Feil (2004) Abb. 4)


 


An diesen romanischen Kirchenbau dürfte, am ehesten im früheren 15. Jahrhundert, ein gotischer Turm angebaut worden sein, wie ein bisher unbeachtetes Baudetail (vgl.: Eine alte Türe und ihre Bedeutung) nahelegt.


Die romanische Kirche mit Turmanbau
(Feil (2004) Abb. 5)


 


3. Bau (gotisch)
Wahrscheinlich im späten 15. Jahrhundert wurde anstelle der romanischen Kirche eine gotische errichtet, auf die sich die überlieferte Neu-Weihe im Jahr 1480 beziehen dürfte.
Für diese nochmals deutlich größere Kirche wurde das gesamte Schiff neu errichtet, wobei allerdings die Nordmauer dem Verlauf der romanischen folgt, während die südliche um 1,30 m nach außen versetzt wurde. Das Schiff dürfte in vier Joche gegliedert und 7,50 m breit und etwa 13,50 m lang gewesen sein. Für die Beibehaltung des Nordmauerverlaufes dürfte der schon stehende Turm verantwortlich sein.
Auch die Trennung zwischen Kirchenschiff und Chor blieb an derselben Stelle wie beim romanischen Bau. Ungewöhnlicherweise wurde der romanische Chor beibehalten. Den Übergang zwischen der alten Apsis und der neuen Südwand scheint eine starke Mauervorlage hergestellt zu haben, die zudem diese statisch gefährdete Stelle gesichert haben dürfte.
Durch die Verlegung der Südwand bei Beibehaltung der alten Apsis ergab sich zwangsläufig eine Achsverschiebung zwischen Schiff und Chor: der südlich an die Apsis stoßende Teil der Ostwand war wesentlich breiter als sein nördliches Gegenstück. An dieser längeren Süd-Ost-Wand wurde ein 2,00 * 1,10 m großer Seitenaltar errichtet. (Im Lichte dieses archäologischen Befundes wird auch die sonst rätselhaft gebliebene Tatsache verständlich, warum der Brixner Weihbischof Johannes de Monaco am 28. Juli 1480 nur den Hauptaltar und einen Seitenaltar geweiht hat.)
Irgendwann vor dem barocken Umbau muß das Presbyterium umgestaltet worden sein, wobei der romanische Altar überlagert wurde. Eine genauere Untersuchung war hier aber wegen des barocken Hochaltars nicht möglich.


Die gotische Kirche
(Feil (2004) Abb. 7)


 


4. Bau (Barock)
Der letzte größere Umbau fand 1735-37 unter der Leitung von Franz de Paula PENZ statt.
Bei dieser Neugestaltung wurde der romanische Chor aufgegeben und ein neuer, größerer errichtet, in den auch das östlichste Joch des gotischen Schiffes einbezogen wurde. Durch die Chorneugestaltung wurde die im gotischen Kirchenbau bestehende Achsverschiebung zwischen Schiff und Chor aufgehoben. Der neue Chor ist innen gerundet und zeigt außen einen 5/8-Abschluß. Das Innenniveau des Chores wurde gegenüber dem gotischen um etwa 60 cm angehoben.
Die Erkenntnis, daß die gotische Kirche bis 1735/37 den romanischen Chor beibehalten hatte, und der heutige dem Augenschein zum Trotz barock ist, gehört ohne Zweifel zu den besonderen Überraschungen, welche die neueren Grabungen mit sich gebracht haben. Dadurch wird bestätigt, daß das 1735 beschlossene Bauvorhaben mit Verlängerung der Kirche nach Osten und Westen ("Verlengerung sowohl gegen Aufgang, alß bei dem Chor, alß Nidergang bei der Kirchenthür" nach Hye (1974/75) 1573) tatsächlich durchgeführt wurde.
Im Zuge dieser Arbeiten oder in der Bauphase nach dem Dorfbrand 1756 wurden in der Nordost- und Südwest-Ecke des Schiffes Seitenaltäre eingebaut (welche 1965 entfernt worden sind).
Nach Westen wurde das Schiff um zwei Joche verlängert. Unter (teilweiser) Beibehaltung des alten Daches wurde das Schiff eingewölbt. Die Stukkaturen (nicht aber die Fresken) der Decke und die Kanzel stammen aus dieser Zeit.

Sanierungsmaßnahmen nach dem Brand von 1756
Der große Dorfbrand von 1756 hat auch die Arzler Kirche beschädigt. Vor allem das Kirchendach und der Turm mußten danach saniert werden. Der Turm erhielt dabei seinen heutigen barocken Abschluß, während er bis dahin das gotische Spitzdach hatte, welches noch auf dem Fresko am Haus Canisiusweg Nr. 7 zu sehen ist.
Auch eine geringfügige Veränderung an den Fenstern im Chorbereich mit Höherlegung der Fensterunterkante könnte in diese Zeit zu datieren sein, vielleicht auch die Errichtung der Seitenaltäre.
Noch später dürfte die Verlegung der Stufe vor dem Altarplatz nach Westen zu datieren sein.

Innenraumneugestaltung 1867
Die Innenraumneugestaltung auf Betreiben des "kunstliebenden und des Zeichnens kundigen" Kaplans Heinrich Bartinger hat zwar durch die nazarenischen Deckenbilder das innere Erscheinungsbild der Kirche stark geprägt, am Baubestand wurde aber nichts wesentliches verändert. Lediglich Fußboden und Kirchenstühle wurden erneuert und (aus einem von Bartinger hinterlassenen Legat) die Orgel renoviert.

Renovierung 1965
Die Kirchenrenovierung von 1965 brachte zwei nennenswerte bauliche Veränderungen:
- die Höherlegung des Bodens im Chorbereich und
- die Entfernung der barocken Seitenaltäre; diese war schon seinerzeit schwer verständlich und die Einsicht, daß der Chor in seiner heutigen Gestalt mitnichten gotisch ist, macht sie nicht verständlicher.


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Dietrich Feil
General-Feurstein-Straße 13
6020 Innsbruck/Arzl


(C) Dietrich FEIL, Innsbruck/Arzl, 2002
 
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