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WASSER

In der Arzler Reisse befindet sich auf etwa 1040 bis 1170 Metern Meereshöhe das Quellgebiet des Mühlauer und des Wurmbaches, eines der ergiebigsten im Bereich der Nordkette. Mit dem oberflächlichen Einzugsgebiet ist dieser Wasserreichtum nicht zu erklären: das wenige Quadratkilometer große, steile und südseitig ausgerichtete Gelände dürfte nur etwa ein Zehntel der tatsächlich vorhandenen Wassermenge liefern. Das Phänomen erklärt sich durch den Schichtenaufbau der Nordkette und die große Querstörung in diesem Schichtenverlauf. Diese zieht sich westlich der Rumer Spitze hin, so daß hier Wasser austreten kann, das sich in einem sehr viel größeren Gebiet ansammelt.


Arzler Reisse mit dem Quellgebiet des Mühlauer Baches; an der - hier im Schatten liegenden -
Westseite befinden sich die verschiedenen Wassersammelbauten.

Wesentlich schlechter sieht es dagegen mit tiefergelegenen, dem Dorf näheren Quellen aus. Zwar gibt es an verschiedenen Stellen etwa des Abhanges des Rechenhofplateaus Wasseraustritte, doch sind diese für eine zuverlässige Wasserversorgung ungenügend. Die beiden an den Nordkettenabhängen festzustellenden Quellhorizonte auf 600-650 und 750-770 m Meereshöhe liefern durchwegs nur geringe Wassermengen, weshalb das Wasser des Mühlauer oder Wurmbaches von früh an nicht nur für Arzl, sondern auch für umliegende Gemeinden genützt wurde.

Abgesehen von der Erwähnung von "Arcelmülin" (Mühlau) im Urbar der Grafen von Tirol von 1288 gibt es das älteste schriftliche Zeugnis für die Nutzung des Baches durch Rum. Der Ort Rum verfügte nämlich nur über eine ganz unzureichende und unzuverlässige Wasserversorgung, was schon im 14. Jahrhundert dazu führte, daß man einen künstlichen "Bach" anlegte, der im unteren Bereich der Arzler Reisse nach Osten abzweigte und am Nordrand des Rechenhofplateaus hinunter zum Verlauf der Rumer Mur und ins Dorf führte, wo er nach der ursprünglichen Vereinbarung auch zum Betrieb einer Mühle und an Sonn- und Feiertagen zur Bewässerung der Felder diente (vgl. Pfarrarchiv Rum Nr. 3 aus dem Jahre 1343 und weitere Urkunden). Da in der genannten Urkunde zudem von einem "alten Bach" die Rede ist, darf man annehmen, daß die erste Einrichtung einer Wasserleitung aus der Arzler Reisse nach Rum noch früher stattfand. Dieser "Bach", dessen Verlauf zum Teil noch gut im Gelände sichtbar ist, diente später auch zur Wasserversorgung des Purnhofes (vgl. Pfarrarchiv Rum Nr. 42 von 1494) und war bis ins 19. Jahrhundert in Betrieb. Weil die Leitung vor allem im Winter durch Lawinen u.dgl. gefährdet war, wurden mehrfach detaillierte Pflichtenverzeichnisse für diejenigen, die die Rechte am Bach hatten, festgeschrieben.

Zwei Abschnitte des "Baches" nach Rum (nördlich des Purnhofes neben dem Weg, der zur Enzianhütte führt).

Im 16. Jahrhundert wurde erstmals auch Wasser aus dem Mühlauer Bach nach Innsbruck geleitet und zwar wurde oberhalb der Schweinsbrücke aus dem offenen Gerinne des Baches Wasser abgezweigt und zunächst offen zum heute noch zu sehenden "Hofbrunnenhäusl" geführt. Dabei wurde das Wasser geklärt und dann in einer aus drei bis fünf Holzrohren bestehenden Leitung schräg hangabwärts - zuerst etwa dem Verlauf der heutigen Josef-Schraffl-Straße folgend -  zur Innbrücke, hier über den Fluß und vor allem ins Areal zwischen Hofgarten und Dogana geleitet, wo sich Erzherzog Ferdinand II. einen "Ruhelust" genannten Zubau zur Hofburg hatte errichten lassen. Dieser Neubau gab offenbar Anlaß zur Errichtung der Wasserleitung, doch wurden auch andere Teile der Stadt damit versorgt.


Das "Hofbrunnenhäusl" oberhalb von Mühlau

Die Bewohner von Mühlau waren über diese landesfürstliche Baumaßnahme nicht glücklich und beschwerten sich:

"Diese am 25. September 1595 bei der oö. Hofkammer eingelangte Bescherde kam nicht ohne Grund. Offenbar nämlich ließen es der Brunnenmeister und seine Mitarbeiter bei der Verlegung dieser Leitung an der nötigen Sorgfalt mangeln, was zur Folge hatte, daß die Leitung undicht war, große Wasserverluste aufwies und dadurch zur Verheerung der Straßen und Wege von Mühlau führte. Auszugsweise lautet die Beschwerde der `ganzen gemainen Nachperschafft zu Müllan´ wie folgt: `Nachdem das Prunen-Glaid, so die fürstliche Durchlaucht Erzherzog Ferdinannd zu Össterreich... oberhalb der Schweinpruggen, bey Mülan glegen, einfassen und zu dero fürsstlichen Hofhaltung hinein geen Ynsprugg füeren lassen... an etlichen Orten oberhalben des Torfs Mülan nit allain an den Prunen-Rörn, sonndern auch (bei der) ober und unnderteren Wasserstuben zimblichermassen abganngen, erfaulet und rynnet worden, welliches Wasser den Holz- und Stainweg, so oberhalben Mülan durch den Perg herabgeet, sowol auch herundten in Mülaner Gassen... die alt Lanndtstrassen (= Anton-Rauch-Straße) verwiesst und zerrissen, als das man den Holz- und Stainweg an etlichen Orten gar nit farn khan...´" (leicht gekürzt nach Hye (1993) 103).
Trotz wiederholter Klagen und hoher Reparaturanfälligkeit blieb diese Wasserleitung bis ins 19. Jahrhundert in Betrieb.


Arzl selbst verfügte zwar über reichlich Quellen und Wassernutzungsrechte, aber über keine gute Wasserleitung. Um 1840 schreibt der Lokalkaplan Hofer in seiner "Topographie der Lokalkaplaney Arzl":

"Es hat nur eine kleine aber schnell vom Berg herabflüßende Wasserleitung, die jedoch 2 Mühlen, eine Schmiedte, und 1 Säge bedient; die Wege des Ortes im Sommer kothig, im Winter sehr eißig macht."
Diese genannten Betriebe befanden sich am Purnhofweg (Mühlen bei Nr. 39 und Nr. 53) bzw. im Bereich Rumer Straße/Exerzierweg. Für die Trinkwasserversorgung standen nur einige wenige öffentliche Brunnen zur Verfügung.
In dieser recht unbefriedigenden Situation ergänzten sich die Interessen der Stadt Innsbruck und des Dorfes Arzl und führten zu einer für beide Seiten wesentlich besseren Lösung. Innsbruck hatte - bedingt durch das Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft - im 19. Jahrhundert einen stark steigenden Wasserbedarf, dazu kam ein höheres Hygienebedürfnis, das die Trinkwasserentnahme aus offen fließenden Bächen nicht mehr tunlich scheinen ließ. Ein erster Verbesserungsschritt fand wohl 1838 statt, als die Wasserentnahme für das alte Hofbrunnengeleit von der Schweinsbrücke hinauf in den Bereich des Zusammenflusses von Wurmbach und Mühlauer Klammbach verlegt wurde, um reineres Wasser zu fassen.
In weiterer Folge faßte man 1886 den Beschluß, für eine gleichmäßigere Wasserversorgung in Mühlau ein großes Trinkwasserreservoir anzulegen. Dieses Projekt stieß jedoch auf Schwierigkeiten, weil die Gemeinde Mühlau im Sommer 1886 den Verkauf des nötigen Grundstücks verweigerte. Dafür fand sich im August 1886 die Gemeinde Arzl bereit, ein 1704 Quadratklafter (ca. 6130 qm) großes Grundstück unmittelbar an der Ortsgrenze zu Mühlau im Bereich zwischen Mühlauer Bach und Buchweg bzw. Josef-Schraffl-Straße um 1350 Gulden an die Stadt Innsbruck zu verkaufen. Hier wurde dann der erste Innsbrucker Trinkwasser-Hochbehälter errichtet, der im November 1887 weitestgehend vollendet war.
 
Der 1887 errichtete (heute nicht mehr für diesen Zweck genutzte) Trinkwasser-Hochbehälter oberhalb des Buchweges

In weiterer Folge einigten sich Arzl und Mühlau über ihre Wasserbezugsrechte aus dem Quellgebiet von Wurm- und Mühlauer Bach (weitere Rechte gehörten - und gehören immer noch - der Gemeinde Rum) und am 5. Juli 1888 schlossen Arzl und Innsbruck einen Vertrag, nach dem Arzl die Hälfte seiner Wasserbezugsrechte an Innsbruck abtreten und im Gegenzug von Innsbruck eine Druckwasserleitung erhalten sollte. Für diese Leitung, die sich Innsbruck auf "ewige Zeiten" zu erhalten verpflichtete, sollte "im Orte selbst eine eiserne Leitung (gelegt werden), die soviel Wasser führt, daß eine größere Anzahl Brunnen und bei Feuersgefahr vier Feuerspritzen despeist oder zwei Hydranten bedient werden können" (nach Hye (1993) 114). Diese Leitung wurde tatsächlich in auffallend kurzer Zeit errichtet um am 9. Dezember 1888 eingeweiht.

"Auf dem Dorfplatze vor der Kirche erörterte der Herr Bezirkshauptmann in kurzer Rede den Zweck der heutigen Feier, nämlich die Einweihung der neuen Hochdruckwasserleitung, welche die Stadtgemeinde Innsbruck dem Dorfe Arzl gebaut hat gegen dem, dass die Gemeinde Arzl einen Theil der sogenannten Mühlbachquellen an die Stadtgemeinde Innsbruck abgetreten hat. Während bisher im ganzen Dorfe Arzl kaum ein Brunnen zu sehen war und die Bewohner ihren Bedarf an Trinkwasser aus einem offenen, das Dorf durchziehenden Graben decken mussten, schmücken jetzt 25 Brunnen mit herrlichem klaren Wasser die Gassen des Dorfes. Aber nicht bloß Trinkwasser allein führt diese Wasserleitung, gebaut unter der Leitung des städt. Bauadjuncten Tochtermann, dem Dorfe zu, die Gemeinde-Vorstehung hat auch durch entsprechende Anbringung von fünf Hydranten gegen Feuersgefahr vorzusorgen gewusst. Es war geradezu ein imposanter Anblick, als nach der durch den Herren Curaten vorgenommenen kirchlichen Weihe der Wasserleitung ein Hydrant seinen mächtigen Strahl der Kirchthurmspitze zusandte. Einige hundert Meter Schläuche, einige Feuerwehrrequisiten und eine taktisch geübte Löschmannschaft, und das ganze Dorf Arzl steht in Bezug auf Wehr gegen Feuer für so unzählig viele Gemeinden unseres Berglandes als Muster da. Nach Beendigung der Hydrantenprobe, deren Ergebnis, 14 Liter per Secunde, ein für Arzl sehr günstiges genannt werden muss und dem Bauleiter, sowie allen beteiligten Factoren zur Ehre gereicht, fand beim "Dorfwirte" eine kleine Reunion statt, womit die Feier ihr Ende nahm." (Bote für Tirol 1888 S. 2352 (zitiert nach: Hye (1974/75) 1571f.))
Von den 25 Brunnen, die im Zuge der Errichtung der neuen Wasserleitung 1888 gebaut worden sind, bestehen nicht mehr viele und im ganzen Dorf gibt es nur noch einen Brunnen, der den Typ des dörflichen Gebrauchsbrunnens einigermaßen unverfälscht bewahrt hat: den am nördlichen Ende der Krippengasse. Alle anderen sind entweder verschwunden oder - wie z.B. der vor dem Haus Johannesgasse Nr. 1 - zu Zierobjekten geworden.


Brunnen am Nordende der Krippengasse

Um die erworbenen Wasserrechte sicher und hygienisch nutzen zu können, wurden in den nächsten Jahren unter der Leitung des Innsbrucker Ingeniers Philipp Altmann mehrere Stollen im Quellgebiet des Wurmbaches und des Mühlauer Baches vorgetrieben. Dabei kam es zwar zu manchen unvorhergesehenen Schwierigkeiten, z.B. weil man im Berginneren auf nie vermutete Höhlen stieß, letztendlich aber war der Erfolg größer als erwartet, weil man statt des 1888 festgesetzten Minimalquantums von 50 Sekundenlitern (und der erhofften 80) auf über 300 Sekundenliter kam. Altmann, der bei den Rückschlägen allerlei Vorwürfen ausgesetzt war, konnte sich also in seinen Planungen glänzend bestätigt sehen.


Gedenktafel für die Errichtung der Wasserleitung aus der Arzler Reisse
beim Eingang zum "Alten Klammstollen":
"Wasserwerk Innsbruck
erbaut unter dem
Bürgermeister Doktor Heinrich Falk
von
Ingenieur Philipp Altmann
1889 - 1892"

Um im Zuge der Eingemeindung von Wilten und Pradl und des erwarteten weiteren Bevölkerungswachstums die Wasserversorgung auch auf lange Zukunft zu sichern, erwarb die Stadt Innsbruck schließlich 1901/02 noch 55 Sekundenliter von der Gemeinde Rum.


Eingang zum "Alten Klammstollen" auf dem Weg von der Guflhütte in die
Arzler Reisse.

Im Jahre 1905 stellte sich also die öffentliche Wasserversorgung in Innsbruck folgendermaßen dar (nach Maninfior (1993) 22):
Quelle/Bezugsrecht Minimum (l/sec) Maximum (l/sec)
Wurmbachquelle 75 150
Erwerbung von Arzl 35 42
Erwerbung von Rum 55 55
Klarerhof (Stapfbrünndl) 22 32
Mandelsbergerleitung 15 20
SUMME 202 299
Insgesamt lieferte das Quellgebiet ober Mühlau also über 80% des Innsbrucker Wasserverbrauchs.

Selbstverständlich bedarf auch eine Wasserleitung dauernder Pflege und - zumindest dann, wenn eine Stadt so stark wächst wie Innsbruck im 20. Jahrhundert - auch dauernder Erweiterung. Was Arzl betrifft, wären als bedeutendere Maßnahmen zu erwähnen:
1937/38    Ersetzung der alten Zementrohre der Hochdruckwasserleitung vom alten Klammbachstollen durch Eisenrohre;
1973-77    Errichtung einer neuen, in Stollen verlaufenden, also lawinensicheren Leitung und eines Trinkwasserhochbehälters im Eggenwald mit einem Fassungsvermögen von 4200 kbm (2100 kbm in der ersten, am 22. September 1977 eingeweihten Ausbaustufe).


Der 1977 eingeweihte Wasserspeicher ober Arzl im Bereich der Kreuzung von
Rechenhofweg und Purnhofweg

Für Innsbruck insgesamt waren die wichtigsten Maßnahmen die Errichtung eines Trinkwasserkraftwerks mit entsprechenden Speichern oberhalb von Mühlau und der damit verbundenen Ringrohrleitung, die in ihrem ursprünglichen Ausbau von Mühlau ausgehend den größten Teil des südlich des Inns gelegenen Stadtgebietes versorgte. Diese nach langer Vorbereitungszeit von 1942 bis 1954 ausgeführten Bauten sichern bis heute den Großteil der Innsbrucker Wasserversorgung.

Im Zusammenhang mit diesen Maßnahmen wurden mit Bescheid der Tiroler Landesregierung vom 7. März 1957 die Innsbrucker Wasserrechte im Mühlauer Quellgebiet detailliert festgelegt (nach Maninfior (1993) 89):
Quelle/Bezugsrecht Jän. Feb. März Apr. Mai Jun. Jul. Aug. Sep. Okt. Nov. Dez. SUMME (Mittel)
aus dem Klammstollen (l/sec) 90 90 90 90 97 97 97 97 97 97 90 90 1122 (93,5)
aus dem Wurmbachstollen (l/sec) 75 65 60 62 78 115 160 186 185 154 117 91 1348 (112,3)
aus dem Recht Arzl (l/sec) 30 30 30 30 38 38 38 38 38 38 30 30 408 (34)
SUMME in l/sec 195 185 180 182 213 250 295 321 320 289 237 211 2878 (239,8)
SUMME in 1000 kbm/Monat 522 452 482 472 570 648 790 860 829 774 614 565 7578 (631,5)

Zusätzlich zu dieser jährlich zustehenden Wassermenge wird aus dem Mühlauer Quellgebiet auch Wasser bezogen, das den Mühlauer Werksbesitzern zusteht und zu vergüten ist (1985 z.B. 6.930.000 kbm), so daß insgesamt aus diesen Quellen über 14 Mill. kbm in das gesamtstädtische Wassernetz eingespeist werden: 1985 stammten von insgesamt verbrauchten 15, 8 Mill. kbm Wasser immerhin 14,5 Mill. kbm (= 91,7%) aus diesem Quellgebiet.

Hauptquellen:
Hye (1993)
Maninfior (1993)


Bilder aus den Wasserstollen


Weiteres zur alten Wasserversorgung von Arzl 
gibt es in der 

AUSSTELLUNG
Ausgrabungen auf dem Kalvarienberg 
und am Scheibenbichl
2004


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(C) Dietrich FEIL, Innsbruck/Arzl, 2002
 
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