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ZWEI SAGEN VON WILDEN LEUTEN

Eine Sage vom wilden Mann

"Im Dorfe Arzl bei Innsbruck erzählt man sich folgendes Geschichtchen:
Auf einer Bergwiese waren einst sieben Taglöhner mit Abmähen des Grases beschäftigt. Da das Mahd hoch über dem Dorfe lag und sie nach Feierabend den weiten Weg ins Dorf hinunter nicht mehr machen wollten, trugen sie etwas Heu in ein kleines, am Waldesrand gelegenes Städelchen, um darin zu übernachten. Hierauf machten sie sich´s bequem und vergruben sich bis zum Kopfe im Heu. Es war noch nicht ganz finster, als plötzlich die Stadelthüre aufgerissen wurde und zum nicht geringen Schrecken der Mäher der wilde Mann seinen Kopf herein steckte. Als er ihrer ansichtig wurde, betrachtete er sie eine Weile und brummte:
    "I woaß den Wold
    Dreimol jung und dreimol olt,
    Ober so a Viech mit sieb´n Kepf hun i no ninderst g´sechn as wie do!"
Darauf machte er die Thüre wieder zu und trottete seines Weges weiter."

aus: A.F. DÖRFLER, Waldfanggen und Elben in Tirol, Zeitschrift für österreichische Volkskunde 3, 1897, 289f.


Eine Sage von der wilden Magd
Eine sehr bekannte Gestalt in den Tiroler Sagen ist die "Fangg" oder "Wilde". Eine solche verdingte sich einst bei einem Bauern  als Magd. Mehrere Jahre hindurch diente sie treu und redlich, und es war eine Freude, ihr zuzusehen, wie flink ihr jede Arbeit von der Hand gieng.
Ihren Namen verrieth sie aber keinem Menschen, gieng auch nie zum Gottesdienst und betete überhaupt nicht. Einmal trieb nun ihr Dienstgeber seine zwei Ochsen auf den Markt nach einem entfernten Dorfe, konnte aber nur den einen verkaufen. Als er mit dem anderen, das Joch auf der Schulter tragend, wieder heimkehrte, rief, wie er einen Wald passierte, eine laute Stimme hinter ihm: "Ochsentreibar, Jochtrogar, sog d'r Rauchrind'n, d' Stanzi Manzi ist hin!" Er wandte sich um und sah gerade noch einen furchtbaren Riesen im Waldesdunkel verschwinden.
Der Bauer hatte sein Lebtag nichts von einer Rauchrinden oder Stanzi Manzi gehört und erzählte zu Hause beim Mittagessen ahnungslos, was ihm der Riese zu sagen aufgetragen hatte. Da lachte die Magd laut auf, eilte in ihre Kammer, packte dort schnell ihre wenigen Habseligkeiten zusammen in ein Bündel und lief zur Hausthüre hinaus, jenem Walde zu. Vergebens hatte man versucht, sie zurückzuhalten. Da rief ihr der auer nach, sie solle ihm doch wenigstens noch sagen, wie sie es zuwege gebracht habe, so schmackhaftes Brot zu backen.
Die Antwort lautete:
                                                       "Braun boch'n,
                                                      Wohlg'schmoch'n.
                                                       Woacher Toag,
                                                       guats Broat."

Quelle: www.sagen.at nach: Sagen aus Innsbruck's Umgebung, mit besonderer Berücksichtigung des Zillerthales. Gesammelt und herausgegeben von Adolf Ferdinand Dörfler, Innsbruck 1895, Nr 11, Seite 8f.
Eine ganz ähnliche Sage berichtet der obengenannte A.F. Dörfler a.O. 290 für das Wirtshaus am Tschuggbach bei Tösens, nur lautet hier der Ruf an die Magd: "Stutza Mutza soll kemma, Rauhrinde ist hin!" und ihre Antwort auf die Frage nach dem Brotrezept: "Lautra Toag / Geit guets Broat."


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