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DIE ZWEI ÄLTESTEN DORFANSICHTEN

Photo: Stadtarchiv Innsbruck
Ansicht des Dorfes auf dem Fresko am Haus Canisiusweg Nr. 7

Die Ansicht mit der Kirche zur Linken und dem Kalvarienberg zur Rechten erlaubt es, den Standpunkt des Malers ziemlich genau zu bestimmen: so kann man das Dorf und den Kalvarienberg nur von Westen sehen. Wenn man zudem davon ausgeht, daß die topographischen Details und die Proportionen einigermaßen präzise wiedergegeben werden, läßt sich der Blickpunkt noch genauer einschränken und zwar etwa auf den südlichen Teil jenes Bereiches, der heute von Seidenweg, Alois-Schrott-Straße, Schlöglgasse und Framsweg eingefaßt wird. Da ein etwas erhöhter Standpunkt anzunehmen ist, kommt am ehesten der Hang westlich des heutigen Pfarrhauses in Frage. Durch die starke neuere Verbauung des Geländes ist hier allerdings eine unmittelbare Überprüfung nicht mehr leicht möglich.

Wenn diese Bestimmung des Standortes richtig ist, erklärt sich auch der Berg oder Hügel hinter der Kirche problemlos als Haller Zunterkopf. Auch hier ist die rundliche, bewaldete Gestalt des "Berges" gut wiedergegeben.

Mit der Feststellung des Blickpunktes ist es möglich, den Verlauf der noch heute vorhandenen Hauptstraßenzüge im Bild zu bestimmen und einige der abgebildeten Häuser zu identifizieren:
- die heutige Arzler Straße verläuft zwischen den beiden Häuserreihen am rechten Bildrand;
- die Ansichtsseite der hier im Vordergrund stehenden Häuser ist die zur Alois-Schrott-Straße hin gerichtete;
- das zweite Haus von rechts (mit dem halbgeöffneten Mitteltor) ist das heutzutage allerdings weit weniger stattlich wirkende in der Alois-Schrott-Straße Nr. 40;
- die Häusergruppe zwischen dem linken der beiden Jesuiten und der Kirche zeigt den Bereich um den Gasthof „Stern“;
- das etwas links von der Bildmitte ganz im Vordergrund stehende Haus mit Randquadern müsste ein etwa an der Stelle des späteren Pfarrhauses oder etwas nordöstlich davon gelegener Vorgängerbau gewesen sein;
- für das unmittelbar vor dem Kirchplatz am linken Bildrand gelegene Haus kommt nur Schnellmanngasse Nr. 9 ("Melbler") in Frage;
- dahinter zwischen diesem und der Kirche ist das Haus Johannesgasse Nr. 5 („Wallach“) zu sehen, welches bis zum Umbau 1978 nach Westen, nicht wie heute nach Süden ausgerichtet war ;
- das im Ausschnitt zwischen diesem Haus und der Kirche zu sehende Haus könnte das "Canisiushaus" selbst sein;
- die hinter der Kirche nach rechts laufende, in ihrem letzten Teil vom Kalvarienberg verdeckte Häuserreihe entspricht der Johannesgasse. Hier ist es allerdings so, dass die Häuser höher gezeichnet sind, als sie je gewesen sein können - wohl um das Gesamtbild des Dorfes umfassender wiederzugeben, als es bei streng perspektivischer Darstellung möglich gewesen wäre .

Die Tatsache, dass es möglich ist, einzelne Häuser auch heute noch nach ihrem Aussehen zu bestimmen , zeigt, daß der Dorfbrand von 1756, der sich nach dem zeitgenössischen Bericht infolge starken Windes rasend schnell ausgebreitet haben muß, zwar die Holzkonstruktionen der Häuser vernichtet, den Mauerbestand aber weit weniger berührt hat. Die einzige immer wieder betonte Abweichung der Darstellung vom späteren Dorfbild – einerseits geschlossene, andererseits offene Giebel – bezieht sich denn auch nur auf die Holzteile der Häuser.

Auch der Kalvarienberg ist auffallend genau wiedergegeben: die drei oberen Stationskapellen sind gut in einer Reihe zu sehen, eine vierte, auch in Wirklichkeit durch die Wegkrümmung weniger auffallende, ist im Hintergrund rechts auszumachen.
Bei der Kalvarienberg-Kirche selbst fehlt naheliegenderweise die erst 1845 errichtete östliche Vorhalle, dazu kommen einige geringfügige „Fehler“ vor allem bei der Proportionierung mancher Bauteile (so wirkt etwa die Laterne auf dem Kuppeldach wesentlich größer und der Turm wesentlich schmächtiger als in Wirklichkeit), doch ist der Zentralbau mit Kuppel und Laterne und angelagertem Westbau mit Turm unverwechselbar deutlich zu erkennen.

So kommt man zum Schluß, dass der Maler des Freskos insgesamt recht sorgfältig gearbeitet und das Dorf ziemlich genau wiedergegeben habe. Umso mehr muß die Darstellung des zentralen Gebäudes, der Dorfkirche, erstaunen, denn diese Kirche hat auf den ersten Blick - auch abgesehen vom Turmdach - nur wenig Ähnlichkeit mit der heutigen. Für den Hauptunterschied - die falsche Lage des Kirchturmes an der Südseite der Kirche - dürfte wohl das Bemühen des Malers, den wichtigsten Bau des Dorfes so deutlich wie möglich abzubilden, verantwortlich gewesen sein; hätte er dagegen den Turm an der richtigen Seite dargestellt, so wäre er vom Kirchendach in künstlerisch ganz unbefriedigender Weise abgeschnitten worden:

(Weiteres dazu im Abschnitt über die älteste Kirchendarstellung.)


Photo: Slg. Walter Preindl, Arzl
Ansicht des Dorfes auf der großen Prozessionsfahne

Die zweite alte Darstellung des Dorfes befindet sich auf der großen Prozessionsfahne zu Füßen des Hl. Kassian als Patron der Diözese Brixen, der hier, von Engeln umgeben, betend auf einer Wolke kniet.
Das Dorf ist hier von Osten gesehen, wobei der Standpunkt des Malers auf einem der Hügelausläufer zwischen Arzl und Rum anzusetzen ist. Es fällt auf, daß er wesentlich mehr Sorgfalt auf die Landschaftsdarstellung verwendet, während die Darstellung des Dorfes selbst deutlich summarischer auffällt. Bemerkenswert ist, daß auch hier der Kirchturm (mit gotischem Spitzdach) in unrealistischer Weise in den Vordergrund tritt. Um den Blick auf dieses für den Maler wichtigste Bauwerk nicht zu verstellen, ist auch die gesamte Bebauung im Bereich Weinberggasse - Johannesgasse - Ostteil der Arzler Straße ausgeblendet. Das Dorf scheint sich hier zur Gänze westlich und nördlich der Kirche zu befinden. Eine Identifizierung einzelner Gebäude ist wegen dieser Abweichungen von der Natur kaum möglich.
Detaillierter ist die Abbildung des Kalvarienberges, bei dem nicht nur die Kapelle, sondern auch die Hügelform mit den Abtreppungen gegen Osten genau zu erkennen ist.
Da der Bereich vom Dorfkern gegen Osten hin in neuerer Zeit deutlich weniger stark verbaut worden ist als der gegen Westen, ist es hier möglich, die Ansicht auf der Fahne mit später entstandenen zu vergleichen. (Allerdings ist der bei den älteren Ansichtskarten genutzte Blickpunkt heute wegen zu starken Baumbestandes nicht mehr zu verwenden.)


1. Frühes 18. Jahrhundert

2. Um 1900

3. 1960er Jahre

4. Herbst 2002
Abb. 1-3: Slg. Walter Preindl, Arzl


Die augenfälligste Veränderung ist sicher der zunehmende Baumbewuchs auf dem Kalvarienberg. Ist er bei Nr. 1 und 2 noch fast kahl bzw. nur mit kleinen Bäumen bestanden, so präsentiert er sich schon auf Nr. 3 stark bewachsen und bei Nr. 4 sind die Bäume schon so zahlreich und groß geworden, daß die Kapelle nicht mehr zu sehen ist. Zugleich fällt im Vergleich von Nr. 3 und Nr. 4 auf, daß die Schäden an der Grasnarbe und die damit einhergehenden Rutschungen auch an der SO-Seite des Hügels stark zugenommen haben.
Da bei den im November 2003 begonnenen Sanierungsarbeiten für die Hangrutschung im SW auch die Freistellung der Kapelle - also wohl die Fällung zumindest der meisten gipfelnahen Bäume - vorgesehen ist, dürfte sich das Aussehen des Kalvarienberges in absehbarer Zeit wieder wesentlich ändern.
Wichtiger als Bäume zu fällen dürfte es aber wohl sein, die Oberflächenschäden zu sanieren, ehe sie ein Ausmaß annehmen, das aufwendige Großunternehmen notwendig macht!


Ansicht des Kalvarienberges von Osten nach den Schlägerungen im Frühjahr 2004
(Aufnahme 31. 3. 2004)


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Dietrich Feil
General-Feurstein-Straße 13
6020 Innsbruck/Arzl


(C) Dietrich FEIL, Innsbruck/Arzl, 2002
 
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