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SEIDENRAUPENZUCHT IN ARZL

Am Eggenwaldweg stehen etwas oberhalb des Kerschbuacher-Hofes an der Westseite der Straße zwei (bis vor kurzem waren es noch vier) Maulbeerbäume (und eine Ulme).


Maulbeerbäume am Eggenwaldweg
(September 2001)

Der weiße Maulbeerbaum (Morus alba) ist in unseren Gegenden nicht heimisch und wird - anders als z.B. in der Türkei - auch nicht seiner Früchte wegen angepflanzt. Er dient in Europa nur einem einzigen Zweck: er liefert Futter für die Seidenraupen. Daß auch die Arzler Bäume diesem Zweck gedient haben dürften, mag zunächst verwundern, doch hat es hier tatsächlich bis vor etwa hundert Jahren wiederholt Seidenraupenzucht gegeben; eine Seidenraupenzucht war z.B. am Seidenweg.

"In früheren Jahren Seidenraupenzucht im großen; nach Aussage alter Dorfbewohner wurden die Maulbeerbäume i. J. 1809 von den Bayern zu Lagerholz umgehauen; mit den wenigen verschont gebliebenen neue Versuche i. J. 1850 u. folg., Kokon an Festigkeit u. Feinheit den italienischen nicht nachstehend. 1852 1/2 Ztr. Kokons. Einzelne Bäume noch an der Hungerburgbahn und im Br. Sternbachschen Garten." (Dalla Torre (1913) 150).

In die Zeiten vor 1809 reichen die Arzler Bäume zwar nicht zurück, wohl aber in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie das knorrige Aussehen der stehenden Stämme nahelegt und die Jahresringe der gefällten beweisen.
 
Stamm eines der noch stehenden Maulberbäume
(Photos: September/Oktober 2001)
Strunk eines 2000/01gefällten Baumes mit Markierung der Jahresringe: 
die Nadeln sind im Abstand von zehn Jahren gesetzt, der Baum muß mindestens 120 Jahre alt gewesen sein.


Einiges über die Seidenraupenzucht


Das Bild zeigt oben links den Maulbeerspinner (Bombyx mori) mit Raupe Gespinst und Eiern,
darunter andere zur Seidengewinnung verwendete Schmetterlinge: oben rechts den Südamerikanischen Seidenspinner (Saturnia Cecropia), unten links den Chinesischen Seidenspinner (Saturnia Pernyi) und unten rechts den Ailanthusspinner (Saturnia Cynthia), die zwar alle wesentlich prächtiger, aber in Hinblick auf die erzeugte Seide dem Maulbeerspinner unterlegen sind.
(Bild: Meyers Konversations-Lexikon, 5. Auflage, Bd. 15 (1897) 864)

Seidenraupenzucht nach
Meyers Konversations-Lexikon, 5. Auflage, Bd. 15 (1897) 865ff.4


Seite 865

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Seidenraupenzuchtanlage im 18. Jahrhundert

(Bild: Encyclopédie, ou Dictionnaire des sciences, des arts et des métiers (1762-1777) Taf. 78)
 

Und noch ein Bericht über eine nicht ganz erfolgreiche Seidenraupenzucht
(aber nicht in Arzl!)

Eine besondere Liebhaberei meines Vaters machte uns Kindern viel Unbequemlichkeit. Es war nämlich die Seidenzucht, von deren Vorteil, wenn sie allgemeiner verbreitet würde, er einen großen Begriff hatte. Einige Bekanntschaften in Hanau, wo man die Zucht der Würmer sehr sorgfältig betrieb, gaben ihm die nächste Veranlassung. Von dorther wurden ihm zu rechter Zeit die Eier gesendet; und sobald die Maulbeerbäume genügsames Laub zeigten, ließ man sie ausschlüpfen, und wartete der kaum sichtbaren Geschöpfe mit großer Sorgfalt. In einem Mansardzimmer waren Tische und Gestelle mit Brettern aufgeschlagen, um ihnen mehr Raum und Unterhalt zu bereiten: denn sie wuchsen schnell, und waren nach der letzten Häutung so heißhungrig, daß man kaum Blätter genug herbeischaffen konnte, sie zu nähren; ja sie mußten Tag und Nacht gefüttert werden, weil eben alles darauf ankommt, daß sie der Nahrung ja nicht zu einer Zeit ermangeln, wo die große und wundersame Veränderung in ihnen vorgehen soll. War die Witterung günstig, so konnte man freilich dieses Geschäft als eine lustige Unterhaltung ansehen; trat aber Kälte ein, daß die Maulbeerbäume litten, so machte es große Not. Noch unangenehmer aber war es, wenn in der letzten Epoche Regen einfiel: denn diese Geschöpfe können die Feuchtigkeit gar nicht vertragen; und so mußten die benetzten Blätter sorgfältig abgewischt und getrocknet werden, welches denn doch nicht immer so genau geschehen konnte, und aus dieser oder vielleicht auch einer andern Ursache kamen mancherlei Krankheiten unter die Herde, wodurch die armen Kreaturen zu Tausenden hingerafft wurden. Die daraus entstehende Fäulnis erregte einen wirklich pestartigen Geruch, und da man die toten und kranken wegschaffen und von den gesunden absondern mußte, um nur einige zu retten, so war es in der Tat ein äußerst beschwerliches und widerliches Geschäft, das uns Kindern manche böse Stunde verursachte. 
Nachdem wir nun eines Jahrs die schönsten Frühlings und Sommerwochen mit Wartung der Seidenwürmer hingebracht, mußten wir dem Vater in einem andern Geschäft beistehen, das, obgleich einfacher, uns dennoch nicht weniger beschwerlich ward.... 

Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit, Viertes Buch (WA I 26 191f.)


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(C) Dietrich FEIL, Innsbruck/Arzl, 2002
 
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