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WEINBAU IN ARZL?

Drei Tatsachen haben immer wieder zur Annahme geführt, es habe in Arzl früher Weinbau in nennenswerterem Umfang gegeben:
1. die Überlieferungen über alten Weinbau in anderen Orten des Nordtiroler Unterlandes;
2. das Vorkommen eines einschlägigen Flurnamens "Weingarten" etwa in dem von Schobergasse und Purnhofweg gebildeten Bogen (vgl. die Flurnamen-Karte) und - im allgemeinen Bewußtsein vielleicht stärker verankert - des Straßennamens "Weinberggasse";
3. die auffälligen Geländeterrassierungen, die auf den ersten Blick an Anlagen, wie man sie aus Weinbaugebieten kennt, erinnern können.

Vor allem letztere müßten durch ihre Größe den Schluß nahelegen, der Arzler Weinbau habe bedeutende Ausmaße gehabt. Gerade bei den Terrassen ergaben sich aber bei näherer Untersuchung Schwierigkeiten, vor allem wegen der übermäßigen Ausdehnung der terrassierten Felder im Verhältnis zur insgesamt bebaubaren Fläche. Im Rahmen seiner Untersuchungen zur älteren Siedlungsgeschichte von Arzl hat Hanns Bachmann (1963/64) daher ein weinbautechnisches Gutachten von Matthias Ladurner (Meran), einem der damals führenden Weinbaufachmänner in Südtirol, veranlaßt:

"... Bei etwas flüchtiger Beurteilung muß man sagen, fast alles spricht für die Annahme Weinbau: die bodenmäßig und klimatisch sehr bevorzugte Lage in einer Höhe von 600 bis 650 m, die erwiesene Verbreitung des Weinbaues im Inntal in früherer Zeit und der Flurname "in der Runggen", der unter anderem an den Weiler Rungg bei Tramin erinnert, welcher inmitten einer großen, muldenartigen Weinbaufläche liegt. Aber ein grundlegender Beweis für diese Annahme versagt. Die Terrassen liegen meist auf sanft geneigten Hängen, wo man die Äcker ohne weiteres auch in der Längsrichtung des Hanges hätte anlegen und sich die große Arbeit der Terrassierung hätte ersparen können. Das trifft genau auch für Rebanlagen zu; ja sogar für die recht.
Ich habe mir immer wieder die beigegebenen Bilder angesehen und da merkte ich, daß die einzelnen Geländestufen überhaupt keine Bodenneigung haben und fast eben sind. Den Bildern nach zu schließen, wäre die natürliche Bodenneigung gerade recht für den Weinbau. Auch in südlichen Weingebieten benützt man ebene Flächen für den Weinbau nur dort, wo keine andere Möglichkeit besteht. Für das Inntal wäre es unlogisch, ebene Geländestufen für Rebenpflanzungen anzulegen, weil gerade dort eine gute Sonneneinwirkung erstrebenswert ist, die nur durch eine entsprechende Hanglage erreicht wird.
Solange nicht der Gegenbeweis erbracht werden kann, würde ich daher diese Terrassen nicht so ohne weiteres als ehemalige Weingartenfelder bezeichnen..." (zitiert nach: Bachmann a.O. 42f.)
Die Ackerterrassen sollten also bei der Frage nach altem Weinbau besser aus dem Spiel bleiben.

Auf der anderen Seite bleiben aber der Flurnamen "Weingarten" und die Erwähnung von Weinlieferungen in alten Quellen. Bei diesen Lieferungen handelt es sich in einem Fall (dem Urbar des bayerischen Klosters Schäftlarn von 1327) eindeutig um Fuhrdienste von Bozen nach Mittenwald. Im anderen Fall, dem Urbar von St. Georgenberg von 1361, ist die Frage nicht so eindeutig zu beantworten: hier wird im 15. Jahrhundert ins alte Urbar notiert, daß die Arzler Güter des Klosters Wein zu liefern hätten, es geht aber nicht klar aus dem Text hervor, ob er von anderswo anzuliefern oder aus eigener Erzeugung abzugeben sei.
Der sicherste Hinweis könnte also der Flurnamen sein, dessen Entstehung natürlich am leichtesten mit der Annahme, hier sei tatsächlich Wein angebaut worden, zu erklären wäre. Die klimatischen Bedingungen für den Anbau robuster Rebsorten wären in Arzl zweifellos vorhanden gewesen: zwar ist von Weinbau in späterer Zeit für Arzl nie die Rede, für Hall oder Thaur wird er aber sehr wohl erwähnt wird; für Hall vermerkt z.B. K.W. von Dalla Torre, Junk´s Natur-Führer Tirol, Vorarlberg und Liechtenstein (1913) 106:

"Als das Inntal zwischen Hall und Innsbruck noch von Beständen der Hallenau bekleidet war, konnte auf den Hügeln über Loretto Wein gebaut werden, daher die Äcker noch jetzt 'Weinfeld' heißen. Es ist dies jetzt durch die lang ins Frühjahr sich erstreckenden Fröste unmöglich gemacht, eine Erscheinung, die mit der Ausrottung der Aubestände in Zusammenhang gebracht wird; auch die Abnahme der Bevölkerung nach dem Dreißigjährigen Krieg, die Einführung des Maises und die Erhöhung der Arbeitslöhne trägt Schuld am Rückgang der Weinkultur. Nach einer Urkunde aus 1509 lieferten die Weingüter dreier Familien ein Erträgnis von mehr als 12 Yhren."
In Thaur werden noch zur Zeit Kaiser Maximilians neue Weinberge angelegt, obwohl in dieser Zeit das Klima eher schon rauher gewesen sein dürfte als etwa zwei, drei Jahrhunderte früher. Von daher müßte es also nicht verwundern, wenn im Hochmittelalter auch in Arzl Wein angebaut worden wäre. Allerdings dürfte es sich kaum um Weinbau in großem Umfang gehandelt haben.
Falls es hochmittelalterlichen Weinbau gegeben haben sollte, wäre sein Erlöschen einerseits mit der allgemeinen Klimaverschlechterung zu begründen, die auch in vielen höhergelegenen Gegenden Südtirols dem Weinbau ein Ende gemacht hat, und andererseits mit der Zunahme von Transporttätigkeit, die es leichter gemacht hat, Wein aus dem Süden herbeizuschaffen. (Ob auch mikroklimatische Vorgänge, wie sie oben bei Dalla Torre erwähnt werden, eine nennenswerte Rolle gespielt haben, scheint eher fraglich, weil das Erlöschen des Weinbaus außerhalb der begünstigten Regionen Südtirols ein zu allgemeines Phänomen ist.)

Quellen:
Auer (1984) 25f.
Bachmann (1963/64) 42ff.
M. Mayer, Der mittelalterliche Weinbau im Nordtiroler Unterlande, Schlernschriften 95 (1952).


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(C) Dietrich FEIL, Innsbruck/Arzl, 2002
 
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