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(4)[1] Bildung: Selektionsmechanismus und „weibliche Arbeitswelt“

 

Beinahe selbstverständlich gilt der Beruf der Lehrerin als „Frauenberuf“ –

 ungeachtet der Tatsache, dass Lehrerinnen im allgemeinbildenden Schulwesen

erst nach langen Kämpfen annähernd gleichberechtigt Fuß fassen konnten“[2]

 

Der Bereich Bildung ist in Verbindung mit der Frage nach geschlechts­spezifischen Zuweisungen in der Arbeitswelt und nach  geschlechtsegregierenden und -hierarchisierenden Strukturen und Funktionen von zweifacher Bedeutung. Einmal, weil Bildung eine unverzichtbare Vorraussetzung für den Einstieg in die (qualifizierte) Arbeitswelt darstellt. Zum anderen, weil Bildung selbst ein Teilbereich dieser (qualifizierten) Arbeitswelt ist.

Wie das Eingangszitat beschreibt, ist die „annähernde Gleichberechtigung“ der modernen Frauen im allgemeinbildenden Schulwesen das Ergebnis langer und intensiver Kämpfe der Frauen vergangener Generationen. Für die Frage nach geschlechtsspezifischen Zuweisungen in der Ausbildungs- und Arbeitswelt Bildung wäre eine Betrachtung dieser Kämpfe von erheblichem Interesse, aber das würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen. Sie beschränkt sich darauf, einen Überblick auf die momentane Situation in Österreich zu geben, und streift nur ganz die allgemeine Geschichte des österreichischen Bildungssystems. Dann soll die Frage beantwortet werden, wie diese „annähernde Gleichberechtigung“ im gegenwärtigen Bildungswesen empirisch messbar aussieht. Die offizielle Geschichte der Mädchenbildung wird im nur Anhang dargestellt, um den Aspekt der „zeitlichen Verzögerung etwas zu erläutern.

 

(4.)1 Aufbau und Geschichte des österreichischen Bildungssystems

Das österreichische Bildungswesen wird grundsätzlich in drei Abschnitte eingeteilt:

·        Grundschule oder Primarbereich,

·        Sekundarbereich I bzw. Sekundarbereich-Unterstufe und Sekundarbereich II bzw. Sekundarbereich-Oberstufe,

·        sowie Postsekundarbereich (nicht-universitärer und universitärer Bereich).

 

Daneben gibt es noch den Bereich der Erwachsenenbildung, der wiederum in einen schulischen Bereich „Zweiter Bildungsweg“ und in einen viel umfangreicheren außerschulischen und -universitären Bereich zu unterteilen ist. Letzterer setzt sich aus einer Reihe von Einrichtungen Erwachsenenbildung zusammen  – sei es von Parteien, Verbänden, Körperschaften, Kirchen, Kommunen - die in dieser Betrachtung nicht berücksichtigt werden.

Die allgemeinen Meilensteine in der Geschichte der österreichischen Schulen sind auf der Homepage des Bundesministeriums für Unterricht, Wissenschaft und Kultur verkürzt und geschlechtsneutral so umrissen:

 

1774

Schulreform unter Maria Theresia (öffentliche Staatsschule, sechsjährige Schulpflicht)

1869

Reichsvolksschulgesetz, einheitliche Basis des gesamten Pflichtschulwesens, Schulpflicht: acht statt sechs Jahre. Schulwesen der kirchlichen Aufsicht entzogen.

1918

Schulreform von dem Präsidenten des Wiener Stadtschulrates Otto Glöckel: Allen Kindern – ohne Unterschied des Geschlechts und der sozialen Lage – sollte eine optimale Bildungsentfaltung gesichert werden.

1927

wurde die Hauptschule eingeführt, die Pflichtschule für die 10- bis 14-jährigen.

1962

Neuregelung durch ein umfassendes Schulgesetz. Schulpflichtverlängerung auf neun Jahre, und eine neue Form der Pflichtschullehrerausbildung an Pädagogischen Akademien.

Ab 1993

besteht für behinderte Schülerinnen und Schüler im Primarbereich, seit 1997 auch im Sekundarbereich (Hauptschule, AHS-Unterstufe), die Möglichkeit, integrativ unterrichtet zu werden.“

Tabelle 1 nach der Quelle: Homepage des Ministeriums  „bm:bwk“, URL: http://www.bmbwk.gv.at/

 

“Die Rechtsgrundlagen für das gesamte gegenwärtige Schulwesen bildet das Schulgesetzwerk von 1962. Dabei wurde der Schulgesetzgebung eine besondere Stellung eingeräumt, sodass Änderungen bestimmter wesentlicher Schulgesetze einer Zweidrittelmehrheit im Nationalrat bedürfen.“ (So heißt es auf der Homepage weiter)

 

Die öffentlich zugänglichen, seit 1975 grundsätzlich koedukativ geführten Schulen unterliegen also einer bundeseinheitlichen Gesetzgebung.

Das österreichische Kind besucht zuerst vier Jahre lang die Grundschule, danach vier Jahre Hauptschule bzw. eine allgemeinbildende höhere Schule oder einen der diversen Schulversuche der Sekundarstufe. Hauptschulabsolventen können nach einer einjährigen Polytechnischen Schule in einer  dualen Ausbildung einen Lehrberuf erlernen oder eine  berufsbildende mittlere oder höhere Schule bzw. eine allgemeinbildende höhere Schule (Oberstufengymnasium) besuchen. Kinder mit einem besonderen  Förderbedarf können verschiedene Sonderschulen besuchen oder in anderen Schulformen integriert werden. Höhere berufsbildenden oder allgemeinbildende Schulen schließen mit der Reifeprüfung ab, die zu einem Hochschul- oder Universitätsstudium qualifizieren. Der Wechsel des Schultyps ist grundsätzlich möglich. Und ein „System von Sonderformen berufsbildender Schulen“ ermöglicht auch außerhalb der höheren Schulen die Ablegung der Reifeprüfung. Eine Reihe von Schulen mit speziellen Schwerpunkten in wirtschaftlicher, sozialer, technischer oder auch sprachlicher Richtung bieten viele Spezialisierungsmöglichkeiten. Darüber hinaus unterrichten ca. 190 österreichische Lehrer/innen an Österreichischen Schulen im Ausland (Istanbul, Guatemala City, Budapest und Prag sowie an bilingualen Schulen in Ungarn, Tschechien und der Slowakei) oder an Internationalen Schulen im Ausland mit deutscher Unterrichtssprache.

Die Ausbildung der österreichischen Lehrer/innen an den Volks-, Haupt- und Sonderschulen erfolgt an den Pädagogischen Akademien, die Ausbildung der Lehrer/innen an den mittleren und höheren Schulen für die allgemein bildenden und berufsbildenden-fachtheoretischen Gegenstände großteils an den Universitäten, für die berufsbildenden-fachpraktischen Gegenstände an den Berufspädagogischen Akademien. Der Bereich der Lehrer- und Erzieherbildung umfasst auch die Bildungsanstalten für Kindergarten- und Sozialpädagogik und das Kolleg für Sozialpädagogik. Die Lehrerfortbildung erfolgt für Lehrer/innen aller unterschiedlicher Schultypen an den Pädagogischen Instituten in den Bundesländern.  

Im postsekundären Bereich stehen in Wien neun, in Graz, Linz und Salzburg je drei, in Innsbruck, Klagenfurt, Krems, Leoben und St. Pölten je eine Universität oder künstlerische Hochschule zur Verfügung. Neben diesen herkömmlichen Einrichtungen installierte der österreichische Nationalrat im  Mai 1993 die Möglichkeit von Fachhochschullehrgängen, „mit dem Ziel, die Hochschulbildung in Österreich auf eine breitere Basis zu stellen und eine Harmonisierung des österreichischen Bildungssystems mit jenen der EU-Staaten zu erreichen“. Zur Zeit (im Studienjahr 2001/2002) werden 92 Fachhochschul-Studiengänge an 22 Orten angeboten, weitere sind in Planung.

 

Auffallend ist, dass sich das österreichische Bildungswesen im Schuljahr 2001/2002 in einer bisher noch nie da gewesenen Vielfalt zeigt und dass sich die Bildungspalette gerade im vergangenen Jahrzehnt mit den Fachhochschulen und neuen Schwerpunkten zum Internet- und Telekommunikations-Wesen verbreiterte. Darüber hinaus  wurde mit der Berufsreifeprüfung eine neue Zugangsmöglichkeiten zur Hochschulbildung erschlossen.

 

Daraus wird ersichtlich, dass das Bildungswesen ein dynamischer und boomender Sektor ist.

 

Andrerseits ist die gegenwärtige Situation geprägt von budgetsanierungsbedingten Einsparungsmaßnahmen, die  auch am Bildungssektor zu vielbeklagten Kürzungen führen, sowie zu einer von manchen Betroffenen kritisierten, eher  sehr engen Orientierung des Bildungswesens an der Wirtschaft und ihren Wünschen und finanziellen Beteiligungen.

Dies alles macht nun die Frage nach geschlechtsspezifischen Unterschieden und geschlechtshierarchisierenden Zuweisungen in diesem Bildungswesen sehr spannend. Wie ist also die empirisch messbare  Situation gegenwärtig tatsächlich?

(4.)2  Der Frauenanteil der Schülerinnen  und Studentinnen - die (Aus)Bildung

Wie die Tabelle 2 zeigt, sind Mädchen im Regelschulwesen, zu dem auch die Anstalten der Lehrer- und Erzieherbildung gehören, recht unterschiedlich verteilt. Liegt der weibliche Anteil an der  Gesamtschülerzahl (1.207.818) bei 48 %, so gibt es doch in bestimmten Schultypen eindeutige Abweichungen vom Durchschnitt zugunsten jeweils eines der beiden Geschlechter. So ist der männliche Anteil bei den Sonderschulen und Sonderschulklassen, den Polytechnischen Schulen, den Berufsbildenden Pflichtschulen und den Mittleren Anstalten der Lehrer- und Erzieherbildung eindeutig höher als der Durchschnitt. Dafür gibt es einen leichten Mädchenüberhang von 8 % bei den Allgemeinbildenden höheren Schulen und den Berufsbildenden mittleren Schulen.  Mit 79 % Frauenanteil sind die Berufsbildenden Akademien und die Akademien der Lehrer- und Erzieherbildung eine klare Frauendomäne. Mit 96% Frauenanteil an den Höheren Anstalten der Lehrer- und Erzieherausbildung wird klar ersichtlich, dass der Lehrer- und Erzieherberuf ein weibliches Berufsfeld ist.

 

Schulen

Klassen

Schüler/%

Schülerinnen/%

gesamt

Alle Schulen (im Regelschulwesen)

 6.074

 55.062

625.938

52

581.880

48

1.207.818

 

Allgemeinbildende Schulen

 5.328

 41.753

447.395

51

427.646

49

 875.041

 

 

 Allgemeinbildende Pflichtschulen

 5.003

 34.218

362.733

53

327.595

47

 690.328

 

 

 Volksschulen

 3.384

 19.820

203.069

52

190.517

48

 393.586

 

 

 Hauptschulen

 1.183

 11.529

138.121

52

125.425

48

 263.546

 

 

 Sonderschulen u. -klassen

 402

 1.984

8.641

64

4.961

36

 13.602

 

 

 Polytechnische Schulen

 325

 885

12.902

66

6.692

34

 19.594

 

 

 Allgemein bildende höhere Schulen

 325

 7.535

84.662

46

100.051

54

 184.713

 

Berufsbildende Schulen

 679

 12.794

172.707

56

134.124

44

 306.831

 

 

 Berufsbildende Pflichtschulen

 182

 5.627

88.214

66

44.728

34

 132.942

 

 

 Berufsbildende mittlere Schulen

 447

 2.166

22.359

46

26.431

54

 48.790

 

 

 Berufsbildende höhere Schulen

 281

 4.96

61.844

50

61.861

50

 123.705

 

 

 Berufsbildende Akademien

 9

 38

290

21

1.104

79

 1.394

 

Anstalten der Lehrer- u. Erzieherbildung

 67

 515

5.836

22

20.110

78

 25.946

 

 

 Mittlere Anstalten

 4

 167

2.648

72

1.021

28

 3.669

 

 

 Höhere Anstalten

 35

 348

369

4

8.702

96

 9.071

 

 

 Akademien

 28

0

2.819

21

10.387

79

 13.206

Tab.2:Tabelle nach der Statistik des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kunst, Ende 2001.

Die statistischen Daten auf der Datenbasis des Frauenberichtes 1995 zeigen, dass diese geschlechtlichtspezifischen Unterschiede beim Schulbesuch auch schon vor 8 Jahren ähnlich waren. Für die Ermittlung von Trends wurden die Zahlen Schuljahr 1993/94 mit den Daten des vorangegangenen Frauenberichtes (1985) und dem  Schuljahr 1983/84 verglichen[3].

Fast 100% der 6 bis 10-jährigen österreichischen Kinder besuchen die Volksschule, nur ein kleiner Teil davon besucht die Sonderschule, dabei ist der Mädchenanteil in der Sonderschule geringer als in der Volksschule. Tendenz sinkend.

In der 5. bis 8. Schulstufe haben die Eltern die Wahl, ihre Kinder in die Hauptschule oder in die Unterstufe einer AHS zu schicken, ein kleiner Prozentsatz besucht weiterhin die Sonderschule. Der Trend geht hier eher von der Hauptschule Richtung AHS, wobei die Mädchen 1983 mit den Buben gleichstanden, in den Folgejahren aber überholten.

Im Sekundarbereich-Oberstufe kann nach der 8. Schulstufe mit dem Polytechnischen Lehrgang die Pflichtschulzeit beendet werden.  Diese Möglichkeit sinkt in ihrer Attraktivität für Mädchen ständig. In der 9. und 10. Schulstufe stehen aber darüber hinaus eine Reihe von berufsbildenden Pflicht-, mittleren und höheren Schulen zur Auswahl,  sowie die Oberstufenformen der Allgemeinbildenden höheren Schulen. Dabei haben die mittleren Schulen deutlich an Beliebtheit verloren. Und besonders die Mädchen drängen in die höheren Schulen, vor allem in die allgemeinbildenden. Drei Fünftel der männlichen Jugendlichen besuchten nach der Pflichtschule eine Lehre, während drei Fünftel der weiblichen Jugendlichen Vollzeitschülerinnen blieben.

Geschlechtsunterschiede bei den Schulbezeichnungen sowie beim Zugang zu den einzelnen Bildungseinrichtungen sind vom Gesetz her nahezu ganz verschwunden.  Aber im Teil 2 des Frauenberichtes 1995 bemerken Adelheid Fraiji und Lorenz Lassnigg:

„Dass den Mädchen und jungen Frauen inzwischen alle Schultypen und Ausbildungsschienen offen stehen, schlägt sich noch kaum in ihren Bildungsentscheidungen nieder.“ Die Muster der Schul- und damit auch der Berufswahl haben sich nicht wesentlich verändert: „Mädchen konzentrieren sich auf kaufmännische, hauswirtschaftliche, soziale , erzieherische und sprachliche Bildungsinhalte, Burschen hingegen auf technische und naturwissenschaftliche Ausbildungszweige.“

 

Die postsekundäre Ausbildung umfasst einen außeruniversitären und einen universitären Bereich.  Im Studienjahr 1994/95 kam zu den bisherigen außeruniversitären Einrichtungen (wie Lehrerausbildung an den Pädagogischen bzw. Berufs- und Religionspädagogischen Akademien, den Sozialakademien, den Ausbildungen im gehobenen medizinisch-technischen Dienst sowie den verschiedenen Kollegs)  mit den Fachhochschulen ein neuer Zweig hinzu, der allerdings im Frauenbericht 1995 noch nicht empirisch berücksichtigt werden konnte. Zu diesen Einrichtungen gibt es im Frauenbericht 1995 eine klare Aussage die sich mit der Statistik des Schuljahres 2001/02 deckt: „Der [außeruniversitäre, M.H.] postsekundäre Bereich des österreichischen Bildungswesens ist eine weibliche Domäne.“

Anders ist die Situation bei den Universitäts- und Kunsthochschulstudien. Rund 70 % der Maturantinnen und Maturanten eines Jahres begannen laut Frauenbericht 1995 ein Studium. Wobei im Vergleich zum Frauenbericht 1985 der männliche Anteil wieder höher war (ca.75%) als der weibliche (65%). Die Tendenz bei den jungen Frauen war also leicht sinkend, obwohl gerade die Frauen die Nutznießerinnen der Bildungsexpansion zwischen 1970 und 1980 waren, und ihr Anteil an den Studierenden rascher angestiegen ist als bei den Männern.

Der Frauenbericht 1995 relativierte die recht erfreulichen Bildungszahlen der Mädchen und jungen Frauen, die diese Daten zeigen jedoch:

„Eine rein quantitative Betrachtung des Hochschulzuganges legt den Schluss nahe, dass die Benachteiligung der Frauen bezüglich des Zugangs an Universitäten und Hochschulen in den letzen Jahren ein Ende gefunden hat. Bei den Zahlen der Studierenden und insbesondere bei den Zahlen der Studienabschlüsse (Frauenanteil 42,4% im Studienjahr 1992/93) sind die Frauenanteile jedoch deutlich geringer als bei den Zugängen.“ (Frauenbericht 1995, S.134)

 

Außerdem konzentrieren sich auch in diesem Bildungsbereich die Frauen auf die eher „typischen Frauenstudien“ und dringen nur langsam in die Männerbereiche ein. Als typischen Frauenstudien werden genannt: Sprachen, Lehramtsstudien, Übersetzer- und Dolmetscher Ausbildung und Pharmazie mit Frauenanteilen von zwei Drittel bis zu 90%.

Erfolgsstatistik

Wie die niedrigere Sonderschulquote und die höhere AHS-Quote aufzeigen, sind Mädchen in der Schule „erfolgreicher“. Auch ist der Prozentsatz an nicht-aufstiegsberechtigten Schülerinnen im Gegensatz zu den Schülern allgemein niederer. In krassem Gegensatz dazu steht die Situation an den Universitäten: junge Frauen brechen das Studium häufiger ab als Männer, meist im ersten oder zweiten Studienjahr. Mehr noch, die Abgangsrate (i.e. die Abbruchsrate, M.H.) ist bei den jungen Männern tendenziell sinkend während sie bei den jungen Frauen stagniert.

„Als Ursachen der geringeren Erfolgsaussichten von Studentinnen werden unterschiedliche Gründe angeführt: vor allem der Eintrittsschock, der Frauen härter als Männer trifft, nämlich die betont männlichen Anforderungen der Universitäten. So zeigt sich, dass all jene Gruppen, die im Rahmen der Bildungsexpansion Zugang zu den Universitäten gefunden haben, auch einem besonders hohen Risiko des Scheiterns ausgesetzt sind.“ ( Frauenbericht 1995, S.137)

Zweiter Bildungsweg

Er ermöglicht Erwachsenen Bildungsabschlüsse des allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulwesens nachzuholen, etwa in Abendschulen, Schulen, Akademien und Kollegs für Berufstätige, aber auch in Meisterklassen und – schulen oder Werkmeisterschulen, sowie durch die Studienberechtigungs­prüfungen (seit 1986 möglich). In diesem Bereich sind die Frauen deutlich unterrepräsentiert, da viele dieser Schulen technisch ausgerichtet sind. Ausnahme auch hier: die Allgemeinbildenden Zweige und das auch erst seit Anfang der 90-er Jahre.

Diese Daten zeigen eindeutig, dass die Mädchen und Frauen Österreichs auf dem Bildungssektor auf der Überholspur sind, was die schulischen Leistungen des Primär- und Sekundärbereiches anlangt. Im postsekundären Hochschulstudium sind die jungen Österreicherinnen zwar noch zahlenmäßig stark vertreten aber deutlich unterschiedlich gewichtet je nach Studientypen. Die Abschlussrate bei den jungen Männer ist ebenfalls höher. Das Bildungsniveau der Österreicher insgesamt ist bei den Männer nach wie vor höher als bei den Frauen. Aber die Frauen konnten zwischen 1981 und 1991 etwas aufholen.

 

(4.)3  Der Frauenanteil der Lehrenden und Unterrichtenden (der Arbeitsbereich)

"Eine besonders  drastische Diskrepanz findet man bei den Grundschullehrern: hier findet man einen überwiegenden Anteil an Lehrerinnen und nahezu ausschließlich männliche Direktoren...
40% der AHS Professoren sind weiblich, aber nur 40 von 265 Direktoren in den AHS sind weiblich, und die meisten davon in ausgesprochenen Mädchenschulen."[4]


Dieses Zitat aus dem Jahre 1994 zeigt in aller Deutlichkeit, dass die Arbeitswelt „Bildungswesen“ geschlechtspezifisch und geschlechthierarchisch geprägt ist. Der Frauenbericht 1995 belegt dies auch eindeutig mit Zahlen.[5] Mit 79.087 Lehrenden stellten die Frauen im Schul- bzw. Studienjahr 1993/94 59,4% des gesamten Lehrpersonals.

„Der Lehrberuf gilt nicht nur als typischer Frauenberuf, er kann auch als qualifizierter Frauenberuf bezeichnet werden...“(Frauenbericht 1995, S.167)

 

Die sehr unterschiedliche Verteilung der lehrenden Frauen auf die verschiedenen Schultypen und Hierarchieebenen ergibt aber einen Befund, der brisante Fragen aufwirft.

Die Tabelle 3 demonstriert eindeutig die Schlussfolgerung Pasekas:

„Je „niedriger“ das Niveau der auszubildenden Schülerinnen und Schüler, je kürzer die Ausbildung der Lehrpersonen oder je „frauenspezifischer“ die Inhalte der Schulart, desto höher ist der Anteil der Lehrerinnen im Bildungsbereich.“(S.167)

Schultyp

Frauen/%

Männer/%

Volks- und Sonderschulen

80

20

Hauptschulen und AHS

60

40

Lehrerbildende Höhere Schulen

80

20

Schulen f. wirtschaftl. Berufe

80

20

Bekleidung und Kunstgewerbe

80

20

Pädagogische Akademien

40

60

Universitäten/Kunsthochschulen

5

95

Tabelle 3: Verteilung der Lehrenden auf Schultypen nach Geschlecht. Nach Frauenbericht 1995

Frauendomänen sind demnach Schulen, in denen die Erziehung von Kindern, das ganzheitliche Erfassen und Betreuen der heranwachsenden Generation und die Defizite im Vordergrund stehen oder die fast reine Mädchenbildung, wie etwa z.B. die Bildungsanstalten für Kindergärtenpädagogik.

 

Männerdomänen sind Schulen mit technisch-gewerblichen Inhalten und berufsbildende Pflichtschulen, sowie „Stätten höchster Bildung“ wo es um die Vermittlung von Spezialwissen geht, wo der Fachgegenstand und nicht der Mensch im Vordergrund steht.

 

In einem Widerspruch zur vom Durchschnitt abweichenden Verteilung der Frauen auf die Schultypen steht der Frauenanteil an den Leiterstellen.

Frauenanteil in % Schultype

1993/94

Lehrpersonal

Leitung

Volksschule

83,8

48,3

Hauptschule

62,7

14,8

Sonderschule

82,5

40,6

Polytechnischer Lehrgang

47,7

11,5

Allgem. bild. Pflichtschulen

72,9

38,7

AHS

55,8

20,3

Techn./gewerbl. Lehranstalten

14,3

0

Kaufmännische Schulen

56,4

19

Schulen für wirtsch. Berufe/u.a.

74,4

52,1

Pädagogische Akademien

43,5

0

Universitäten/Kunsthochschulen/ges.

25,4

 

Assistentinnen

23,5

 

Professorinnen

4,8

 

Leitungspositionen Universitäten

 

5,9

Leitungspositionen Kunsthochschulen

 

15,9

Tabelle 4: Frauenanteile am Personal und den Leiterpositionen nach dem Frauenbericht 1995

Die Tabelle 4 stellt die Frauenanteile am Lehrpersonal und bei den Leiterstellen im österreichischen Bildungssystem des Jahres 1993/94 gegenüber. Das Fazit nach Paseka lautet hier: „Je höher die Ebene der Hierarchie, desto seltener werden Frauen.“ (S.168)

Schulleiterstellen und Arbeits- und Leiterststellen im Universitäts- und Hochschulbereich sind  nach wie vor männlich dominiert, wobei die Frauen bereits von 1983/84 auf 1993/94 etwas aufgeholt haben. Diese Tendenz dürfte in den darauffolgenden Jahren bis zur Gegenwart durch  Gleichbehandlungsgesetze auf Bundes und Landesebene sowie Objektivierungsbe­strebungen bei den Ausschreibungen weiter bestanden haben. So stellt Paseka fest:

„Obwohl der Lehrberuf als typischer Frauenberuf gilt, gibt es offensichtlich auch hier „gläserne Decken“ ... , die Frauen daran hindern, die nächsthöhere  Sprosse auf der Karriereleiter zu erreichen.“

 

Diese „gläsernen Decken“ sind nun einerseits eine niedere Decke unter der sich die Frauen ducken müssen, aber auch eine sehr kurze Decke nach der sie sich scheinbar freiwillig strecken:

„Je mehr Macht einer Position zugeschrieben wird, je entfernter sie von der unmittelbaren Arbeit mit Personen (meist Kindern und Jugendlichen) ist, je geringer die Affinität zur Reproduktionsarbeit, desto mehr Männer sind dort vertreten.“(S.170)

 

Die Ursachen dafür sieht Paseka einerseits in den Entscheidungsgründen der Frauen für den Lehrberuf, und andrerseits in ihrer strukturellen Benachteiligung.

Die Entscheidung zum Beruf der Lehrerin erfolgt  einerseits deshalb, weil es ein qualifizierter Beruf mit einer höheren Ausbildung und einer angemessenen Bezahlung und sozialen Absicherung ist. Andrerseits benötigt er nur eine zeitlich begrenzte Anwesenheit am Arbeitsplatz und ermöglicht, die restlichen Arbeiten als Heimarbeit zu verrichten. Die Ferien- und Freizeitregelung ist sehr kinderfreundlich und der Arbeitsplatz ist meist sicher. Dieser Beruf kann also die widersprüchlichen Erwartungn von Frauen in hohem Maße erfüllen: sie können einerseits einen qualifizierten Beruf ausüben und andrerseits ist dieser auch mit einer eigenen Familie vereinbar.

„Ein Aufstieg in der Schulhierarchie würde dieses Gleichgewicht ins Wanken bringen: Er würde einerseits mehr Zeit in Anspruch nehmen und andrerseits eine Entfremdung von den konkreten Tätigkeiten im Klassenzimmer bedeuten.“

 

Bei den strukturellen Benachteiligungen nennt Paseka solche auf formeller Ebene, wie die Gesetzgebung, die jedoch durch die Gleichbehandlungsgesetze und Ausschreibungsgesetze weitgehend aus dem Weg geräumt wurden. Auf informeller Ebene wirkten schon viel diffizilere und „verdeckte“ Mechanismen, von „verhöhnenden Wortmeldungen im Konferenzzimmer“ bis zu „offener Ablehnung“ bei Männern und Frauen, wenn sich Lehrerinnen für eine Leiterstelle bewerben. Als einen ganz wesentlichen Punkt bei den strukturellen Benachteiligungen nennt Paseka auch die „reale Mehrbelastung von Frauen durch Haushalt und Kindererziehung“.  Lehrerinnen sind auch Töchter, Ehefrauen und Mütter und als solche - wie Frauen generell - primär für den Haushalt, die Erziehung und Betreuung der eigenen Kinder und die Betreuung pflegebedürftiger Eltern oder Schwiegereltern zuständig. Frauen, die eine Karriere als Schulleiter anstreben, sehen sich hier den üblichen Marktansprüchen gegenüber. Paseka zitiert dazu Ulrich Beck[6]:

“Das Marktsubjekt ist in letzter Konsequenz das alleinstehende, nicht partnerschafts-, ehe- oder familien’behinderte’ Individuum.“

 

Für den Universitätsbereich gilt das noch viel mehr, ist doch hier in der Literatur  durchaus von „Anderthalb-Personen-Berufen“ und sogar „Zwei-Personen-Karrieren“ die Rede.  So haben in der Zwei-Personen-Karriere von  Universitätsprofessoren die Ehegattinnen neben den Repräsentativen Aufgaben noch viele weitere Aktivitäten inne, die darauf abzielen,

„dem Mann einen Wettbewerbsvorteil in der unmittelbaren Arbeitssituation zu verschaffen. [...] Sie umfassen das Tippen und Redigieren von Manuskripten, Mitarbeit im Laboratorium, aufnehmen von Notizen bei Vorlesungen und Tagungen, Teilnahme an Felduntersuchungen.“[7]

 

Weibliche Lehrende sind also nicht nur durch die Doppelbelastung durch Haushalt und Kindererziehung sondern auch durch den fehlenden Wettbewerbsvorteil durch helfende „Ehepartnerinnen“ benachteiligt. So ordnen lehrenden Frauen also eher ihre Karriereambitionen der Familie unter.  Paseka drückt das in ihrem Fazit so aus:

„Wünsche und Vorstellungen von Frauen und die vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen scheinen einander widerspruchslos zu ergänzen.“(S.171)

 

Ein weiterer Grund für die fehlende Präsenz der weiblichen Lehrkräfte in den höheren Rängen der Hierarchie mag wohl auch im Verzögerungseffekt liegen, der durch den Bildungsausschluss (siehe dazu Anhang: Geschichte der Österreichischen Mädchenbildung) von Frauen über lange Jahrzehnte des 18.,  19.und 20.  Jahrhunderts ergibt, der darüber hinaus auch zu einem weitgehenden Fehlen weiblicher Vorbilder bei den Schulleitern führte.

Fazit: Die Arbeitswelt Bildung zeigt sich in Österreich laut empirischer Situation als ein deutlich nach den Geschlechtern segregierter und hierarchisierter Sektor.  Sowohl bei den Lernenden als auch bei den Lehrenden finden wir große Ungleichverteilungen, die durchaus auch den Charakter von Zuweisungen tragen. Daran kann auch der Eindruck der quasi freiwilligen Verinnerlichung der äußeren Zwangszuweisung nichts ändern.

(4.)4 Tendenzen und Perspektiven in Zeiten der Budgetkonsolidierung

Im österreichischen Bildungswesen sind derzeit zwei gegenläufige Strömungen fest zu stellen. Einerseits gibt es einen Frauenförderungs-Plan, den „Aktionsplan 2003“, und verschiedenste Projekte und Initiativen, die das österreichische Bildungswesen in allen Bereichen international wettbewerbsfähig machen und die Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern ausgleichen sollten. Dadurch entsteht viel Dynamik, neue Bildungszweige kommen ständig hinzu, eine Modernisierungswelle vor allem auch in Richtung moderne Kommunikationstechnologien findet statt, die Vernetzung der Schulen wird angestrebt, die  Lehrpläne sollen entrümpelt werden und das ganze System soll mit den Standards der anderen EU-Länder harmonisiert werden.

Auf der anderen Seite kommt es durch die   Budgetkonsolidierung auf den verschiedensten Ebenen des Bildungssystems zu  Einsparungen. Sie treffen die österreichischen Familien zweifach. Erstens durch das direkte Ansteigen der Bildungskosten durch die Einführung der Studiengebühren. Und zweitens indirekt durch Notwendigkeit zu vermehrter familiärer oder marktwirtschaftlicher Förderung der Jugend, um die  budgetpolitischen  Zeit- und Materialkürzungen auszugleichen, wie die Absenkung der Förderstunden, Einsparungen bei der Schulbuchaktion, Einsparung mancher bisher zusätzlichen Angebote mancher Schulen, etc. Auch die andiskutierten Zugangserschwernisse etwa zu allgemeinbildenden Schulen erfordern von den Eltern einen erhöhten Einsatz an Zeit und Geld.

Oppositionspolitiker und Interessensvertreter, wie beispielsweise der Vorsitzende des SLÖ Tirol und der FSG/AHS,  Mag. Rainer Hofmann,  sprechen hier bereits klar von einem Paradigmenwechsel in der österreichischen Bildungspolitik. Hofmann sieht in den andiskutierten Bestrebungen zur Kontrolle des Zutritts zu den AHS (Prognoseverfahren und Aufnahmeprüfung) sowie in der angestrebten „Privatisierung der öffentlichen Bildungseinrichtungen“ einen „neoliberalen Angriff auf die Öffentliche Schule“ und eine „Beschränkung des Zugangs zur Bildung“, durch die eine „elitär gedachte, ideologisch ultrakonservativ motivierte Gesellschaft Platz greifen könnte“, die nur mehr „wenigen (Begüterten, M.H. ) den freien Zugang zu Bildungsinstitutionen sicher stellt!“. 

Werden sich diese Befürchtungen als richtig erweisen?

Wenn in Österreich der Zugang zu freier Bildung auch für die Nachkommen nicht so begüterte Bürger wieder erschwert oder gar eingeschränkt werden sollte, wie das in der Geschichte wiederholt der Fall war, dann stellt sich natürlich die Frage, welche Auswirkungen das auf die Frauen und ihre in langen Kämpfen erreichte und noch lange  nicht vollständig erreichte Gleichberechtigung haben wird. Schon die statistischen Daten im ersten Semester der Einführung der Studiengebühren (Studienjahr 2001/2002) zeigen einen höheren Rückgang der weiblichen Erstinskribienten als der männlichen, besonders krass an der Universität Innsbruck. Erst die nächsten Jahre werden zeigen, ob dies nur eine erste Reaktion war oder ob sich daraus ein Trend entwickeln wird, der langfristig möglicherweise auch die Situation in den AHS  beeinflussen kann.

 

5 Anhang:  offizielle Geschichte der österreichischen Mädchenbildung

„Was als wissenschaftlich erwiesen betrachtet wurde, wandelte sich im Lauf der Jahrhunderte. So galt die Erde lange Zeit als Mittelpunkt des Universums, selbst wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz. Jahrhunderte lang nahm man an, Frauen seien wegen einer "wandernden Gebärmutter" schwächer als Männer, sowohl physisch wie psychisch.

Jedoch haben Frauen, selbst in Zeiten, wo sie ganz besonders als "anderes Geschlecht" wahrgenommen wurden, immer an wissenschaftlichen Erkenntnissen teilgehabt. Weibliches Forschen hat, von der alten Disziplin der Astronomie bis zur neuen der Computertechnik, immer Tradition gehabt. Vielfach wurden Wissenschaftlerinnen von einem gleichfalls wissenschaftlich tätigen Vater gefördert, manche eigneten sich aber auch gegen den Widerstand ihrer Umgebung Kenntnisse an.
Viele Frauen korrespondierten mit anderen in ihrem Bereich tätigen Frauen, und sie gründeten Einrichtungen, die für eine bessere Bildung von Mädchen sorgen sollten. Manche identifizierten sich mit feministischen Ideen und engagierten sich dafür, andere wiederum lehnten diese ab oder ordneten ihre Leistungen denen nahestehender Männer unter.“[8]

 

Diese Sätze stammen aus dem Vorwort zu einem Internet-Feature zum Thema „Frauen in der Wissenschaft“ auf der Homepage des Unterrichtsministeriums. Das österreichische Bildungswesen in seiner heutigen Vielfalt entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte und öffnete sich in seiner ganzen Breite erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch der weiblichen Jugend.

 

Auf  der Homepage des Bundesministeriums finden wir zum Thema „Historische Daten: Frauen und Bildung in Österreich“ eine Auflistung der Bildungs-Ausschlüsse, denen sich die Österreicherinnen der Vergangenheit gegenüber sahen, und auch der Bestrebungen, hier Gleichberechtigung zu erreichen. Sie ist hier etwas verkürzt wiedergegeben:

 

So waren Mädchen etwa im Jahr 1848 „alle Arten von Fach- oder Mittelschulen ...  verschlossen. Eine der wenigen Bildungsmöglichkeiten, die Mädchen im Anschluss an die Pflichtschule offen stehen, ist die Ausbildung zur Volksschullehrerin.“

1868 gründet die Wiener Kaufmannschaft die erste Handelsschule für Mädchen.

1869 wird die achtklassige öffentliche Volksschule die Pflichtschule. „In größeren Gemeinden gibt es nach Absolvierung von fünf Klassen Volksschule die Möglichkeit, die dreiklassige Bürgerschule zu besuchen. Dort werden Mädchen und Burschen nach unterschiedlichen Lehrplänen unterrichtet. (Mädchen haben weniger Arithmetik, Geometrie und Zeichnen, dafür sechs Wochenstunden Handarbeiten.) Errichtung der ersten staatlichen Lehrerinnenbildungsanstalt.“

Ab 1870 kommt es zu einer „vermehrte[n] Gründung gewerblicher Fortbildungsschulen für Frauen. In erster Linie Koch- und Nähschulen zur Existenzsicherung unverheirateter Frauen.“ 1871 gründet der Wiener Frauen-Erwerbs-Verein „die höhere Bildungsschule für Mädchen, eine Mittelschule, deren Lehrplan ungefähr jenem der Realschule entspricht, gleichzeitig aber "die Wesensart und die Aufgaben der Frau" berücksichtigt.“

Ab 1872 „können Mädchen die Matura als Externistinnen an einem Knabengymnasium ablegen, allerdings berechtigt sie die Reifeprüfung nicht zu einem ordentlichen Hochschulstudium.“

1873 wir das Grazer Mädchenlyzeum eröffnet - eine sechsklassige Mädchenmittelschule. „Der Lehrplan dieses und aller anderen in der Folge gegründeten Lyzeen oder Höheren Töchterschulen entspricht allerdings nicht jenem der Knabenmittelschule. Die Errichtung von Gymnasien für Mädchen lehnt der damalige Unterrichtsminister, Paul Gautsch Freiherr von Frankenthurn, noch Ende des 19. Jahrhunderts mit der Begründung ab, dass dies "der eigentlichen Natur des weiblichen Geschlechtes zuwiderlaufe".“

1892 wird das erste Mädchengymnasium auf dem Gebiet des heutigen Österreich (erster Standort: Hegelgasse, später: Rahlgasse)  vom Verein für erweitere Frauenbildung gegründet. „Zur gleichen Zeit existieren in Österreich 77 Gymnasien für Knaben.“

1898 treten die ersten Schülerinnen als Externistinnen am Akademischen Gymnasium zur Matura an. Aber erst ab 1901 enthält das Maturazeugnis der Maturantinnen den Vermerk "Reif zum Besuch einer Universität". Hinsichtlich Studienwahl sind die jungen Frauen allerdings sehr eingeschränkt. Zu diesem Zeitpunkt stehen ihnen nur die philosophische (seit 1897) und seit 1900 die medizinische Fakultät (inkl. Pharmazie) offen. Ab 1919 hatten Frauen Zutritt zur juridischen Fakultät, zur Tierärztlichen Hochschule, zur Technischen Hochschule und zur neu gegründeten Hochschule für Welthandel, ab 1920/21 zur Akademie der bildenden Künste, ab 1922 zur evangelisch-theologischen und ab 1945 zur katholisch-theologischen Fakultät. 1907 wird die erste private Handelsakademie für Mädchen in Wien eröffnet. 1908 wird die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt für Frauen zugänglich.

1910 schränkt der Unterrichtsminister die Möglichkeit von Mädchen, als Privatistinnen am Unterricht in Knabenmittelschulen teilzunehmen, drastisch ein. (Maximal fünf Prozent.) Sie dürfen nur zuhören, weder Fragen stellen noch schriftlich oder mündlich geprüft werden, um die Knaben nicht zu stören.

1919 werden Mädchen in öffentliche Knabenmittelschulen aufgenommen und haben damit die Möglichkeit, ohne hohes Schulgeld zu zahlen, die Hochschulreife zu erlangen. Der Anteil der Mädchen an Knabenmittelschulen steigt während der Ersten Republik auf ein Drittel. Das Zölibat für Lehrerinnen wird 1919 wieder eingeführt: Mit der Heirat müssen sie aus dem Schuldienst ausscheiden.

Eine spezielle Oberstufenform für Mädchen wird 1921 eingeführt. Ihr Ziel ist es, Allgemeinbildung zu vermitteln, die Schülerinnen an die Aufgaben einer Hausfrau und Mutter heranzuführen und auf weibliche Erwerbsberufe vorzubereiten. Statt Latein erhalten die Schülerinnen Unterricht in "fraulichen Fächern".

Die dreiklassige Bürgerschule wird 1927 durch die vierklassige Hauptschule ersetzt. Für Mädchen an Knabenmittelschulen müssen Parallelklassen eingerichtet werden.

1933/34 gibt es an Mittelschulen bereits 33 Prozent Schülerinnen und vier Prozent Lehrerinnen. Doch der Ständestaat (1934/38) schränkt die Bildungsmöglichkeiten der Mädchen drastisch ein und verstärkt die Bildungsunterschiede zwischen den Geschlechtern. Mädchen werden kaum noch zu Knabenmittelschulen zugelassen. Sie haben Frauenoberschulen bzw. Oberlyzeen zu besuchen.

Der Nationalsozialismus (1938/45) setzt eine strikte Trennung der Geschlechter durch. Das deklarierte Ziel der Mädchenbildung ist die Mutterschaft. Die Oberschule für Mädchen ist die einzige höhere Schule, die Mädchen offensteht. Die Zulassung von Mädchen an Gymnasien bedarf der ministeriellen Genehmigung. Die Lehrpläne aus der Zeit des Nationalsozialismus werden 1945 außer Kraft gesetzt, alle seit 1934 erlassenen Gesetze, die mit dem Bundesverfassungsgesetz 1929 unvereinbar sind, aufgehoben. Diverse vierjährige hauswirtschaftliche Schulen werden 1956 zu Höheren Lehranstalten für wirtschaftliche Frauenberufe umgewandelt (diese Schulform schließt bis 1962 nicht mit Matura ab). 1975 wird die Koedukation an öffentlichen Schulen eingeführt. Die koedukative Unterrichtsführung wird zum Regelfall mit Ausnahmen. Ab 1979 erfolgt der Werkunterricht für Buben und Mädchen in den Volksschulen gemeinsam.

1980 entsteht die Interministerielle Arbeitsgruppe zur Behandlung frauenspezifischer Angelegenheiten im Bereich des Unterrichtswesens, was eine verstärkte Thematisierung der Benachteiligung von Mädchen und Frauen mit sich bringt.

Die "Bildungsanstalten für Arbeitslehrerinnen" werden 1982 aufgelöst, die Ausbildung für den Unterricht in "Hauswirtschaft" und "Werkerziehung für Mädchen" an Pflichtschulen wird an die Pädagogischen Akademien verlegt. Die "Bildungsanstalten für Kindergärtnerinnen" – vereinzelt von Burschen besucht – werden in "Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik" umbenannt und schließen mit Matura ab.

Österreich ratifiziert die Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau.

"Geometrisches Zeichnen" ist in Hauptschulen ab 1985 nicht länger nur für Buben, sondern auch für Mädchen Pflichtfach.

Zum ersten Mal wird 1987 eine Frau, Dr. Hilde Hawlicek (SPÖ), zur Unterrichtsministerin bestellt (sie bleibt bis 1990). Das Jahr 1987 bringt auch noch andere Veränderungen: Der Gegenstand "Hauswirtschaft" (ab dem Schuljahr 1997/98: "Ernährung und Haushalt") ist nicht länger nur für Hauptschülerinnen, sondern auch für Hauptschüler Pflichtfach.

Die Differenzierung des Werkunterrichtes nach Geschlecht wird in der 7. und 8. Schulstufe der Hauptschule aufgehoben. Unabhängig vom Geschlecht können sich Schüler/innen für Textiles oder Technisches Werken entscheiden. Eine entsprechende Regelung für die AHS-Unterstufe folgt 1988, für die 5. und 6. Schulstufe im Jahr 1993. Die durchgehende Umbenennung des Gegenstandes Werkerziehung (für Knaben bzw. für Mädchen) in "Technisches Werken" bzw. "Textiles Werken" erfolgt gleichfalls 1993.

Beseitigung geschlechtsspezifischer Schulbezeichnungen im mittleren und höheren berufsbildenden und landwirtschaftlichen Bereich (z. B. "Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe" statt "Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe"), um zu unterstreichen, dass alle Schulformen beiden Geschlechtern offen stehen. In der Folge werden auch die Bildungsziele sukzessive erweitert (sic ! M.H.). 1988 wird auch das "Wirtschaftskundliches Realgymnasium für Mädchen" umgenannt in  "Wirtschaftskundliches Realgymnasium". 1989 wird eine Abteilung für Mädchen- und Frauenbildung geschaffen. 1990 gibt das BMUK erstmals ein Informationsblatt für Schulbildung und Gleichstellung "SCH.U.G." heraus. 1993 wird das Bundesgesetzes über die Gleichbehandlung von Frauen und Männern und die Förderung von Frauen im Bereich des Bundes beschlossen. Das Unterrichtsprinzip "Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern" findet 1994 Eingang in die Lehrpläne der Handelsakademien, Handelsschulen, Kollegs für Kindergartenpädagogik, ab 1995 auch in die Lehrpläne der Hauptschulen, der AHS sowie weiterer Schularten (1997: Höhere technische Lehranstalten und Polytechnische Schulen; 1999: Volksschulen und Sonderschulen)

Elisabeth Gehrer (ÖVP) wird 1995 als zweite Frau Leitung des Unterrichtsministeriums. In den 150 Jahren seines Bestehens wurde das Unterrichtsressort von 61 Ministern und von zwei Ministerinnen geleitet. Sie präsentiert 1997 den Aktionsplan 2000 mit 99 Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung im Bereich von Schule und Erwachsenenbildung.[9] Durch Zusammenlegung zweier Ministerien entsteht 2000 das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur unter Ministerin  Elisabeth Gehrer.

Im "Lehrplan 99" für die Hauptschulen und Allgemeinbildenden höheren Schulen ist erstmals ein didaktischer Grundsatz "Bewusste Koedukation" enthalten. Er tritt ab dem Schuljahr 2000/2001 aufsteigend in Kraft.

Darauf tritt der Aktionsplan 2003 für Gender Mainstreaming und Frauenförderung in Schule und Erwachsenenbildung in Kraft.

 

Diese offizielle Auflistung der Entwicklung des Bildungszuganges von Mädchen ist frei von allen Aussagen über die ersten harten Kämpfe der (bürgerlichen) Frauen um eben diesen Bildungszugang. Ob junge Mädchen eine höhere, höherqualifizierte, ja sogar eine akademische Bildung erhalten dürfen, ja ob sie überhaupt die nötigen intellektuellen (oder gar biologischen!) Vorraussetzungen dafür hätten, diese Diskussion war eine entscheidende Frage für die Berufsarbeit der Frau. Es waren allen voran die Lehrerinnen, die mit ihrem Ringen um die Professionalisierung im Lehrerinnenberuf  den Weg zur akademischen Bildung auch für alle anderen Frauen frei kämpften. Wenn dieser Liste also den Kampf der Frauen nicht schildert, so ist ihr doch klar zu entnehmen, dass es einerseits immer wieder Rückschritte gab. Immer wieder wurden Schülerinnen oder Lehrerinnen vom bereits erreichten Zugang zu Schulen ausgeschlossen, je nach den geänderten politischen oder ideologischen Verhältnissen. Das hat natürlich ein Bildungsdefizit der Frauen gegenüber den Männern zur Folge, das als Verzögerung gedeutet werden kann.

 

Ob die gegenwärtigen innenpolitischen Trends in Österreich langfristig zu einer direkten Rücknahme der  Gleichbehandlungsbestrebungen führen können, erscheint momentan eher undenkbar. Indirekt könnten die Verteuerungen und Zugangserschwernisse im Bildungsbereich aber durchaus schon bald wieder zu einer realen Schlechterstellung der Mädchen und Frauen im Bildungssystem führen. Und die Renaissance von Slogans wie „Frauen zurück zum Herd“ oder wohlmeinenden Ratschlägen wie „Du brauchst keine höhere (Aus)Bildung, du heiratest ja doch!“ ist durchaus vorstellbar.

 

Literatur:

 

Frauenministerium, Österreichischer Frauenbericht 1995, Wien, 1995
Deibl, Maria: Frauen im Beruf, Wien, 1994,
Klewitz, Marion; Schildmann, Ulrike; Wobbe, Theresa: Frauenberufe – hausarbeitsnah?, Pfaffenweiler, 1989
Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main, 1986

BECK-GERNSHEIM, Elisabeth: Das halbierte Leben – Männerwelt Beruf, Frauenwelt Familie, Frankfurt am Main, 1980



[1] Die Nummerierung in Klammer bezieht sich auf die Gliederung der Gruppenarbeit.

[2] Klewitz, Marion, 1989, S. 59

[3] Österreichischer Frauenreport 1995, Kapitel 2.1 Mädchen und Frauen im Bildungssystem – quantitativ-deskriptive Darstellung, Adelheid Fraiji/Lorenz Lassnigg

[4] Deibl, Maria, Frauen im Beruf Wien,1994

[5] Frauenbericht 1995, Kapitel 2.3 Das Bildungswesen als Arbeits- und Beschäftigungsbereich für Frauen, Angelika Paseka

 

[6] Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main, 1986

[7] Papanek,  Hanna: “Men, Women and Work: Reflections on the Two-Person Career.“ Zitiert von Beck Gernsheim in: Das halbiert Leben, 1980, S.71

[8] Homepage des Bundesministeriums: http://www.bmbwk.gv.at/extern/women/main.htm

[9] Über die Umsetzung berichtet das Informationsblatt für Schulbildung und Gleichstellung "SCH.U.G." Nr. 12/2000.


Linktipps

Ceiberweiber * Webwomen *
Bundesministerium
Sonderformen der Arbeitszeit
Zeitschrift: Historische Sozialkunde: Frauenwelten
7 Richtlinien zur Gleichbehandlung

A.Univ.Prof.Dr. Erika THURNER

  • Lebenslauf
    Dr. phil.
    Univ.-Doz.
    Studium: Geschichte und Psychologie in Salzburg und Wien
    Promotion 1983
    Von 1983 bis 1986 Projekttätigkeit am Ludwig-Boltzmann-Insitut für Geschichte der Arbeiterbewegung, Salzburg
    Von 1987 bis 1992 Vertragsassistentin, Lehrbeauftragte bzw. Projektmitarbeiterin am Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Universität Linz
    1992-1994 Vertragsassistentin am Institut für Politikwissenschaft, Innsbruck
    Lehrbeauftragte an den Universitäten Linz, Salzburg, Wien und Innsbruck
    Seit April 1991 Dozentin für Neuere Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte am Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Universität Linz
    Seit Oktober 1998 Universitätsassistentin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck
  • Forschungsschwerpunkte
    • Widerstand und Verfolgung im 20. Jahrhundert
    • Minderheiten- und Migrationsforschung
    • ArbeiterInnen(bewegungs)geschichte
    • Moderne Regionalforschung
    • Historische Frauenforschung
  • Publikationen
    • "Die Angst der Männer ist die Ungeduld der Frauen". Frauen- und Männerrollen im Wandel, in: Beharrlichkeit. Anpassung und Widerstand. Die Sozialdemokratische Frauenorganisation und ausgewählte Bereiche sozialistischer Frauenpolitik 1945-1990. Veröffentlichung des Dr. Karl Renner Instituts, Wien 1993, S. 177-233
    • Sinti- und Romafrauen: Die Ambivalenz des Ethnischen, in: Widee/Wissenschafterinnen in der Europäischen Ethnologie (Hg): Nahe Fremde, fremde Nähe, Wien 1993, S. 317-345
    • La soluzione nazista della questione zingara nella cosidetta "Marca Orientale", in: Mirella Karpati (Hg): Zingari ieri e oggi, Roma 1993, S. 88-99
    • Ein Zigeunerleben? Als Sinto/Sinteza, Rom und Romni in Salzburg. in: Mozes F. Heinschink/Ursula Hemetek (Hg): Roma das unbekannte Volk. Schicksal und Kultur, Wien-Köln-Weimar 1994, S. 54-97
    • Die nationalsozialistische "Zigeunelösung" in der sogenannten "Ostmark", in: Sinti und Roma gestern und heute, hrsg. von Mirella Karpati, Rom 1994, S. 71-90
    • Ethnizität - Differenz aus Tradition, in: ÖZP, Schwerpunktthema Gleichheit - Differenz, Wien 1994/2, S. 163-175
    • "Arbeitreprovinz 1945" - Die Entwicklung der Sozialdemokratie im Bundesland Salzburg 1945-1990, in: Verband österreichischer Geschichtsvereine (Hg), 19. österreichischer Historikertag, Graz 1992, Wien 1994 (Im Erscheinen) - Die stabile Innenseite der Politik. Geschlechterbeziehungen un Rollenverhalten, in: Albrich et.al (Hg): Österreich 1949-1961, (Im Erscheinen)
    • Zeitgeschichte als weibliche Berufsmöglichkeit. Statement zum Panel: Frauenforschung und Zeitgeschichte, in: Albrich et. al. (Hg): Zeitgeschichtetag 1993, (Im Erscheinen)
    • "Zigeuner": Das Vorurteil als gesellschaftlicher Platzanweiser, in: SWS-Rundschau, Schwerpunkt Minderheiten (Im Erscheinen)
  • Erreichbarkeit
    Institut für Politikwissenschaft
    Universität Innsbruck
    Universitätsstraße 15
    6020 Innsbruck
    Tel.: 0512/507-7053
    Fax: 0512/507-2849
    e-mail: erika.thurner@uibk.ac.at
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